Gastro-Insolvenzen: „Der Peak ist sicherlich nicht erreicht“

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In Wien steigen die Insolvenzen in der Gastronomie deutlich, obwohl die Unternehmensinsolvenzen insgesamt leicht zurückgehen. Jürgen Gebauer vom KSV1870 begleitet Unternehmensinsolvenzen in Wien, Niederösterreich und Burgenland und erklärt, warum gerade die Gastro-Branche unter Druck steht und wann bzw. warum eine Insolvenz auch eine Chance sein kann.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Wien 1.291 Unternehmensinsolvenzen verzeichnet, davon 162 in der Gastronomie. Während die Insolvenzen branchenübergreifend leicht zurückgingen, bedeutet das für die Wiener Gastronomie einen Anstieg von rund 20 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2025.

Warum steigen die Insolvenzen in der Gastronomie, obwohl sie insgesamt leicht zurückgehen?
Jürgen Gebauer: Der Grund ist ein Mix aus mehreren Faktoren: hohe Energiekosten, Inflation, gestiegene Lebensmittel- und Personalkosten, Personalengpässe und ein verändertes Konsumverhalten. Viele Privathaushalte sparen und das trifft auch den Lokalbesuch. Ich nenne das einen toxischen Cocktail, der viele Gastronomiebetriebe in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringt.

Jürgen Gebauer vom KSV1870 begleitet Unternehmensinsolvenzen in Wien, Niederösterreich und Burgenland.

Welche Betriebe sind besonders gefährdet?
Nach unserer Wahrnehmung sind es aber eher Betriebe im unteren und mittleren Preissegment. In Wien fallen etwa Imbissketten, Dönerstände, Würstelstände, aber auch Bars und Clubs auf, die beim Insolvenzgericht aufschlagen. In diesen Gastronomiebereichen reagieren Kund:innen besonders preissensibel. Betriebe im höheren Preissegment können Preissteigerungen tendenziell leichter weitergeben.

Was sind derzeit die größten Kostentreiber?
Ein wesentlicher Faktor sind die Energiekosten, insbesondere Stromkosten. Wenn ein Betrieb wenig Reserven hat, kann schon ein sprunghafter Anstieg bei Energie zu Liquiditätsengpässen führen. Dazu kommen gestiegene Personalkosten. Der Anstieg bei den Mieten und den Lebensmitteln bildet für viele Gastronomiebetriebe ebenfalls eine kostentechnische Herausforderung. All diese Punkte sind nicht selten die Ursache für das Eingeständnis der Zahlungsunfähigkeit und die notwendige Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Die Insolvenzursachen in der Gastronomiebranche sind aber im Unternehmen selbst zu finden. Mängel im kaufmännischen Bereich, insbesondere eine mangelhafte Buchhaltung sowie eine fehlende Liquiditätsplanung, aber auch  überhöhte Investitionen ohne ausreichendes Eigenkapital sind nicht selten Gründe für die Insolvenz eines Gastrounternehmens.

Wichtig ist aus meiner Sicht Transparenz: Wenn Preise steigen müssen, sollte man offen erklären, warum.

Können Gastronom:innen höhere Kosten einfach an Gäste weitergeben?
Nicht eins zu eins. Das wäre für viele Betriebe wahrscheinlich das Todesurteil. Im höheren Preissegment geht es leichter, im unteren Bereich ist der Spielraum sehr begrenzt. Schon ein Euro mehr beim Bier oder beim Glas Wein kann bei Gästen Diskussionen auslösen. Wichtig ist aus meiner Sicht Transparenz: Wenn Preise steigen müssen, sollte man offen erklären, warum.

Welche Rolle spielt der Personalmangel?
Eine große. Es geht nicht nur darum, gutes Personal zu finden, sondern auch darum, ob es sich rechnet. Wenn ein Betrieb Personal für 40 Stunden beschäftigt, aber zu bestimmten Zeiten kaum Gäste hat, wird das schwierig. Manche Betriebe reagieren bereits mit veränderten oder kürzeren Öffnungszeiten.

Welche Warnsignale sollten Gastronomiebetriebe ernst nehmen?
Wenn Personalkosten, Wareneinsatz und Umsatz nicht mehr in einem gesunden Verhältnis stehen, sollten die Alarmglocken läuten. Auch zu hohe Lagerbestände, ausbleibende Stammgäste, hohe Mitarbeiter:innenfluktuation, sinkende Liquidität oder die Notwendigkeit Kredite aufnehmen zu müssen, sind deutliche Warnsignale. Dann sollte man rasch reagieren, im Idealfall mit externer Unterstützung.

Mit einem Sanierungsplan gibt es die Möglichkeit, einen Betrieb neu aufzustellen und einen Schuldenschnitt zu erreichen.

Holen sich viele Unternehmer:innen zu spät Hilfe?
Ja, oft zu spät oder gar nicht. Insolvenz ist immer noch mit einem gewissen Stigma verbunden, manche schämen sich für ihre finanzielle Notlage oder stecken den Kopf in den Sand. Das verschlechtert die Lage meist nur, weil Verbindlichkeiten weiter steigen. Sollte es möglich sein, ist es jedenfalls zu empfehlen sich in einer wirtschaftlichen Notsituation professioneller externer Hilfe zu bedienen. Sollte dennoch eine Insolvenzverfahren nicht vermieden werden können, kann ein solches auch eine Chance sein: Mit dem Instrument eines Sanierungsplans gibt es im Rahmen eines Insolvenzverfahrens die Möglichkeit, einen Betrieb neu aufzustellen und mit Hilfe einer Sanierung einen Schuldenschnitt zu machen, um in weiterer Folge im Idealfall neu durchstarten zu können.

Je früher man handelt, desto größer sind die Chancen.

Wann ist eine Sanierung realistisch?
Am Ende geht es ums Geld bzw. um die Möglichkeit der Finanzierung eines Sanierungsplans. Die angehäuften Verbindlichkeiten müssen den realistischen finanziellen Möglichkeiten in den nächsten Monaten gegenübergestellt werden. Die gesetzliche Mindestquote bei einem Sanierungsplan im Rahmen eines Konkursverfahrens oder eines Sanierungsverfahrens ohne Eigenverwaltung liegt bei 20 Prozent, zahlbar in zwei Jahren ab Annahme des Sanierungsplans. Wenn diese Quote angemessen ist und die Finanzierbarkeit dargestellt werden kann, sollte man eine Sanierung versuchen. Letztlich entscheiden die Gläubiger, ob sie dem insolventen Gastronomiebetrieb eine zweite Chance geben.  Je früher man handelt, desto größer sind jedenfalls die Chancen.

Erwarten Sie weitere Insolvenzen in der Wiener Gastronomie?
Der Peak ist sicherlich nicht erreicht. Die nächsten Monate werden für alle Branchen herausfordernd bleiben, auch für die Gastronomie. In Wien gab es 2025 rund 280 Insolvenzen in der Gastronomie. Ich rechne damit, dass wir 2026 aus heutiger Sicht bei rund 300 liegen werden. Gleichzeitig heißt die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens aber nicht automatisch, dass ein Betrieb liquidiert wird und vom Markt verschwindet. Einige Gastronomiebetriebe schaffen im Rahmen eines Insolvenzverfahrens durch einen von der Mehrheit der betroffenen Gläubiger angenommenen Sanierungsplan den Turnaround. Und parallel werden auch viele neue Gastronomiebetriebe gegründet. Die aktuelle Situation ist für viele Gastronomiebetriebe sehr herausfordernd; die Anzahl der Insolvenzen im Gastronomiebereich bewegt sich jedoch noch in einem Rahmen, der volkswirtschaftlich verkraftbar ist.

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