Holzers gastronomisches Resümee | Juni 2026

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Was sich im Juni in der Lokalszene so alles tat, und was uns das sagen könnte.

Wenn der Lokalbesuch zur Rechenaufgabe wird

Ich will ja nicht für schlechte Stimmung sorgen, das kann man bei diesen Temperaturen noch weniger brauchen als bei erträglichen. Aber irgendwie scheint die heimische Gastronomie offenen Auges auf ein echtes Problem zuzusteuern: Das Publikum ist immer weniger bereit oder in der Lage, sich die Kosten eines Restaurantbesuchs zu leisten.

Wir kennen die Faktoren wie gestiegene Energie-, Personal-, Lebensmittel- und sonstige Kosten. Wir wissen auch, dass die Gastronomie einer der wesentlichen Inflationstreiber ist, dass der Preis für einen Lokalbesuch im Gegensatz zu „nur“ 25% der Gesamtinflation der vergangenen fünf Jahre um mehr als 40% stieg. Und wir vergessen gerne, dass sich das Konsumverhalten seit Corona drastisch verändert hat, dass der Lokalbesuch nicht mehr als unabdingbarer Bestandteil des sozialen Lebens gesehen wird. Ja, in touristischen Hochfrequenzlagen oder bei Lokalen, die dank kurzzeitiger Hypes überrannt werden, fällt das vielleicht nicht so auf. Aber was, wenn die Touristen weg und die Hypes vorbei sind? Wer soll den Espresso um vier Euro, das Glas Wein um neun oder das Schnitzel um vierzig Euro dann noch bestellen?

Die Gastro-Insolvenzen stiegen heuer um zehn Prozent an und oft werden die Insolvenzen in der Gastronomie so lange verschleppt, bis nichts mehr da ist – was in Österreich übrigens strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht, das Erlöschen der Gewerbeberechtigung sowieso.

Warum ich Ihnen mit dieser Schwarzmalerei auf die Nerven gehe? Weil es die Situation nicht verbessern wird, wenn man den Kopf in den Sand steckt, weil es höchste Zeit ist, dass Modelle und Ideen entwickelt werden, wie man dieser auf uns zurollenden Problemwelle begegnen kann. Nein, nicht von „der Politik“, auch nicht von „den Kammern“ oder „der Gastronomie“, sondern von allen zusammen.

Und trotzdem: der Juni eröffnet weiter

Aber es wäre nicht Österreich, wenn trotz düsterer Vorzeichen nicht dennoch Schippel-weise neue Lokale aufmachen würden, diesen Juni, so der Eindruck, ging’s wieder mal besonders zur Sache. Wir werden die vielen Lokale und Restaurants, die da dieses Monat an den Start gingen, speziell vor dem Hintergrund des oben dargestellten Szenarios betrachten.

Focaccia, Pinzette, Burger: drei Modelle, drei Wetten

Was hätten wir da also: Die seit dem Vorjahr am Vorgarten recht erfolgreiche Locanda Il Rione hat die ehemalige Austernbar gegenüber übernommen und eine propere Focacceria Il Rione draus gemacht. Das ist ein schlauer Zug, denn die Leute lieben gefüllte Focaccia, sind bereit, für das italienische Wurstbrot zehn Euro zu zahlen, um die flaumigen Germteigbrote mit ein bisschen Italo-Aufschnitt zu füllen, braucht’s auch keine Fachkraft – wirkt also so, als hätte das Modell Zukunft.

Das wird bei dem Projekt von Julia Schmid zweifellos schwieriger: Die Patissière mit zahlreichen wohlklingenden Stationen in ihrer Biographie – Stromburg von Johann Lafer, Ikarus, Motto am Fluss – übernahm kürzlich das ehemalige Spoon/Vasco in der Seilerstätte und präsentiert in ihrem M.eins 19 genannten Restaurant elaborierte Kleinportion-Pinzettenküche, die nach allerhand Prinzipien wie „zeitgemäße Kulinarik“, „aufs Wesentliche reduziert“ und natürlich „präzise im Detail“ vorgeht. Nur: Ein wirklich eigenständiges Profil ist schwer zu erkennen, und das dürfte auf diesem Preisniveau dann ein bisschen schwer werden. Für die Karma-Punkte gibt’s an drei Tagen immerhin einen günstigen Tagesteller.

Brioche und Brösel von Thomas und Hans Figlmüller war hingegen schon ein Gewinner, bevor es überhaupt geöffnet hatte: Das Konzept des Tafelspitz- und des Schnitzelburgers hat sich seit drei Jahren im früheren Würstelstand in der Rotenturmstraße als kugelsicher erwiesen. Nun holten sich die Figlmüller-Brüder eine wetterfeste Location in der Rotenturm-Passage, nach der Salzburger Getreidegasse wahrscheinlich jene Straße mit der höchsten Touristenfrequenz in Österreich. Technischen und logistischen Support gibt’s vom Figlmüller-Lokal Figoletta ums Eck und tatsächlich kann einem Wien-Touristen Schlimmeres passieren als hier einen derartigen Wiener Burger zu verzehren.

Tradition mit Rückenwind

Auch das Alte Brauhaus in Frauenkirchen wurde wieder neu übernommen, gut so. Das 350 Jahre alte Traditionsgasthaus hat gewissermaßen ein Alleinstellungsmerkmal im Seewinkel, ist seit über 30 Jahren als Martinigansl-Adresse in den Hirnen der Österreicher gespeichert, ein bisschen Pilgertourismus kommt vielleicht auch noch dazu, die Preise bewegen sich in der habitablen Zone. Wenn Philipp Wieser (dessen Familie auch das Knappenstöckl im Schloss Halbturn führt) keine gröberen Fehler macht, schaut das nach sicherer Sache aus.

Kleinere Projekte, kleinere Fallhöhe

Apropos sichere Sache: Je kleiner ein gastronomisches Projekt, desto geringer die ökonomische Fallhöhe, wenn’s mal schlechter läuft. An bemerkenswerten Kleinprojekten kamen in diesem Monat folgende dazu: Manfred Stallmajer, früherer Chef des Hotels Das Triest und seit Jahren (unter anderem) Besitzer des Boutiquehotels The Guesthouse (mit seiner herausragenden Brasserie) übernahm die Filmbar im Österreichischen Filmmuseum auf der gegenüberliegenden Seite des Albertinaplatzes. Und machte eine sehr italienische, sehr einladende, sehr niederschwellige Espresso-Bar namens Piccolina Filmbar draus. Der Espresso ist gut, zum Bier gibt’s wie in Italien Chips, die Preise sind trotz Top-Location im Rahmen – wird klappen. Das ehemalige Figar in der Kirchengasse, das zwischenzeitlich kurz Bizu hieß, wurde zur japanischen Izakaya-Bar Susuru, und da muss man sagen, dass das angesichts noch weiterer fünf Jahre U Bahn-Baustelle vor der Türe und einer generell nicht gerade unterentwickelten Izakaya-Szene in der Umgebung herausfordernd werden könnte. Das neue Gelato Carlo, das Carlo Maghakian in der ehemaligen Gragger-Bäckerei in der Spiegelgasse aufmachte, wird hier – ebenso wie im Stammhaus am Hamerlingplatz – nie irgendein Problem haben, solange das Carlo-Eis schlicht und ergreifend das beste in ganz Österreich ist. Und das schafft er jetzt immerhin schon seit ein paar Jahren. Ob es klappt, sein Gelato hier auch im Winter zu verkaufen, wie geplant, wird man sehen.

Pop-ups zwischen Heurigenbankerl und Kiosk-Kultur

Von der provisorischen Pop up-Seite gibt’s auch zwei neue Projekte zu berichten: Einerseits der Heurige Zur Lustigen Luise an Stelle von XO Grill/Max Stiegls Otto am Berg im Otto-Wagner-Areal. Eh, vielleicht passt ein Heurigen-Konzept dort sogar besser hin als ein Burger-Foodtruck, Charisma-technisch aber halt eher ein Abstieg. Und dann der äußerst erfrischende Kiosk vor dem Museumsquartier, ein historisches K67-Exemplar des slowenischen Designers Saša Mächtig aus den 60er-Jahren. In dem kooperieren die „Freie Kiosk-Kultur“ FKK, die den alten Kasten fanden und restaurierten, mit den Kreativ-Gastronomen „Estúdio Schumi“ nun bis Mitte September in Form von Kulturveranstaltungen, ungewöhnlichen Kiosk-Snacks sowie ein paar interessanten Naturweinen.

Süßwasserfisch in der Josefstadt

Die in Österreichs Top-Gastronomie sehr gut etablierte Fischzucht Oberwasser aus Schwarzau im Gebirge wiederum nahm sich des ehemaligen Goldfischs in der Josefstadt an. Eröffnet wurde vorerst soft, mit Verkauf von Frischware und ein paar kleinen Fisch-Snacks, im Herbst soll dann ein echtes, kleines Fisch-Bistro draus werden, wie es das schmerzlich vermisste Goldfisch in seiner besten Zeit ja ebenfalls war. Das wird mit Fokus auf Süßwasserfisch nicht leichter werden, aber hoffen wir alles Gute.

Specialty Coffee mit Substanz

Und jetzt zu den größeren Projekten: Der Goldene Papagei, die sympathische Avantgarde-Kaffeebar mit historischem Hintergrund in Belgrad, machte in einem ehemaligen Papierfachgeschäft in der Argentinierstraße ein riesiges, helles, extrem einladendes Café namens Goldener Papagei x Paparogi. Die Location unmittelbar am Karlsplatz ist genial, das Design wieder einmal gelungen, den sauren Kaffee mögen die jungen Menschen ja und darüber hinaus ist der Goldene Papagei die einzige unter den zahllosen Specialty Coffee-Bars, die wirklich tolle Snacks bietet. Das sind alles in allem keine schlechten Karten für die Zukunft.

Der Bräunerhof ist zurück

Womit wir bei der wirklichen Sensation wären, nämlich der Wiedereröffnung des Café Bräunerhof. Sensation warum? Na weil die Kassandren seit der Übernahme durch Plachutta und das Schwarze Kameel ja schon genau wussten, dass das nur schiefgehen kann, dass die Kommerzialisierung, Verkitschung, der touristische Ausverkauf drohen werde. Aber schmeck’s. Familie Friese und Familie Plachutta haben keine Mühe gescheut, den alten Bräunerhof Stück für Stück zu zerlegen, jedes Teilchen wieder schön zu machen und ihn wieder zusammenzusetzen. Mit neu gepolsterten Sitzbänken, einer modernen Küche und appetitlichen Klos. Ja, die Karte ist ein bisschen moderner, kein Wunder, Christoph Plachutta leitet das Café und ist 29 Jahre alt und Kaffeehaus-Publikum muss ja nicht automatisch alt und konservativ sein, das steht nirgendwo geschrieben. Gulasch und Schinkenrolle gibt’s nach wie vor, die Qualität der Küche ist mit Sicherheit besser, als sie im Bräunerhof jemals war. Wird das Kaffeehaus seine mehrere Millionen teure Renovierung hereinspielen? Wahrscheinlich nicht so bald, ist den Besitzern aber auch nicht so wichtig.

Pier 22: Millionen am Wasser

Und apropos mehrere Millionen: 27 davon flossen auch in die Umgestaltung der früheren „Sunken City“ auf der Donauinsel, die im Juni vervollständigt als Pier 22 in Betrieb ging. Das Lighthouse-Café machte schon voriges Jahr auf, neu dazu kam das riesige und vielleicht ein bisschen sehr auf Bling Bling setzende It’s Amore sowie das – zumindest optisch – riesige Terrassenlokal INKA mit gar nicht schlechter Lateinamerikanischer Strandküche. Ob es die Donauinsel-Besucher grämt, dass man ihr Steuergeld da vielleicht etwas sehr großzügig verwendete, wird nie erhoben werden. Wahrscheinlich eher nicht.

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