DiningRuhm: Zehn Jahre, eine volle Gasse und der Hunger nach dem nächsten Kapitel
In Wien sperrt man eine Gasse nicht wegen irgendeiner Kleinigkeit. Schon gar nicht in Wieden, wo der Alltag ohnehin dicht genug ist und jede Veränderung sofort auffällt. Am 20. Juni aber war die Lambrechtgasse für einen Abend nicht Durchzugsstraße, sondern Schauplatz einer Feier, wie sie zu DiningRuhm passt: ein wenig elegant, ein wenig lässig, sehr persönlich und kulinarisch ohnehin auf den Punkt. Sascha und Marcel Ruhm feierten zehn Jahre ihres Restaurants – und machten dafür nicht nur die Türen auf, sondern gleich die Straße mit.

Rund 150 Gäste kamen zusammen, um mit den beiden Brüdern auf dieses Jubiläum anzustoßen. Zwischen Austern, Champagner und Spezialitäten aus der DiningRuhm-Küche entstand keine dieser Feiern, bei denen man höflich herumsteht und auf den nächsten Programmpunkt wartet. Es war eher ein Abend, der sich langsam ausbreitete: Gespräche vor dem Lokal, Gläser in der Hand, bekannte Gesichter, neue Begegnungen, ein bisserl Gedränge, viel Stimmung. Familie war da, langjährige Stammgäste ebenso, dazu Lieferanten, Partner sowie Winzerinnen und Winzer, deren Weine seit Jahren zur Karte des Hauses gehören. Genau dadurch bekam der Abend etwas, das man nicht inszenieren kann: gewachsene Nähe.

Denn DiningRuhm ist in diesen zehn Jahren nicht einfach nur ein Restaurant geworden, in dem man gut isst. Es ist ein Ort, an dem Beziehungen entstanden sind – zu Gästen, zu Produzenten, zu einem Team, das mitgewachsen ist, und zu einer Stadt, die gastronomisch viel gesehen hat und sich nicht so leicht beeindrucken lässt. Wer in Wien bestehen will, braucht mehr als eine schöne Idee und ein paar gute Teller. Nach der ersten Neugier zählt, ob ein Haus über Jahre Substanz zeigt. Ob der Service aufmerksam bleibt, ohne steif zu werden. Ob die Küche Spannung hält, ohne sich zu überschlagen. Ob man wiederkommen will, nicht weil man muss, sondern weil man Lust darauf hat.
Die Geschichte dahinter beginnt lange vor dem ersten Service in der Lambrechtgasse. Schon während ihrer gemeinsamen Lehrzeit im Landhaus Bacher entstand bei Sascha und Marcel Ruhm der Wunsch nach etwas Eigenem. Dort lernt man früh, dass Gastronomie nicht vom romantischen Bild des Gastgebens lebt, sondern von Handwerk, Tempo, Disziplin und ziemlich viel Durchhaltevermögen. Später sammelten die beiden Niederösterreicher Erfahrungen in renommierten Betrieben im In- und Ausland, nahmen Eindrücke mit, schärften ihren Blick und kehrten schließlich nach Wien zurück – nicht mit einem fertigen Konzept aus der Schublade, sondern mit einer klaren Vorstellung davon, wie ihr eigenes Restaurant sein sollte.
Als DiningRuhm am 16. Juni 2016 eröffnete, ging es daher nicht darum, möglichst laut aufzutreten. Die Idee war feiner: hochwertige Küche, persönlicher Service und Nähe zum Gast, aber ohne Gehabe. Anspruch ja, Distanz nein. Genau diese Balance trägt das Haus bis heute. Die Teller dürfen präzise sein, die Produkte hochwertig, die Abläufe professionell – aber das Ganze soll nicht kalt wirken. DiningRuhm spielt nicht den unnahbaren Tempel der Kulinarik, sondern bleibt ein Restaurant, in dem Genuss auch etwas mit Wärme, Rhythmus und guter Stimmung zu tun hat.
Dass daraus ein Betrieb mit knapp 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde, ist kein Zufall und schon gar nicht nebenbei passiert. Über die Jahre wurde investiert: in die Küche, in Infrastruktur, in Ausbildung und Weiterentwicklung. Vieles davon sieht der Gast vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber er spürt es im besten Fall an jenem Abend, an dem alles leicht wirkt, obwohl im Hintergrund vieles exakt zusammenspielen muss. Die zwei Hauben sind eine schöne Bestätigung für diesen Weg, doch in der Gastronomie ist jede Auszeichnung nur so viel wert wie der nächste Service. Am Ende zählt wieder der Teller, der Tisch, der Moment.
Gerade deshalb ist interessant, dass DiningRuhm nach zehn Jahren nicht in den Verwaltungsmodus kippt. Marcel Ruhm arbeitet gemeinsam mit Küchenchef Daniel Siegle und Sous-Chef Paul Scheidbach daran, die kulinarische Handschrift weiter zu schärfen. Nicht mit dem großen Versprechen, alles neu zu erfinden, sondern mit jener Art von Weiterentwicklung, die oft spannender ist: genauer werden, klarer kochen, vertraute Aromen anders aufladen. Tradition spielt dabei mit, aber nicht als ehrwürdiges Ausstellungsstück. Sie wird angegriffen, weitergedacht, manchmal erleichtert, manchmal zugespitzt – und bekommt so eine Gegenwart, die nicht bemüht wirkt.
Besonders sichtbar wird das im „New Taste Menü“, das nicht als fixe Formel gedacht ist, sondern als Bewegung. Es verändert sich, wird angepasst, verfeinert und neu zusammengesetzt. Damit bleibt DiningRuhm auch für Stammgäste interessant, weil der Besuch nicht zur Wiederholung wird, sondern zur Fortsetzung. Man erkennt das Haus wieder, aber es erzählt nicht jedes Mal denselben Satz.
Mit dem Zentruhm haben Sascha und Marcel Ruhm 2023 außerdem gezeigt, dass sie Gastronomie nicht nur aus einem Blickwinkel denken. Das zweite Restaurant setzt stärker auf Sharing, auf Tischmitte, auf gemeinsames Probieren und Weiterreichen. Es ist lockerer im Zugang, aber nicht weniger bewusst. Auch dort geht es um das, was gutes Essen im besten Fall schafft: Menschen an einen Tisch bringen und den Abend in Bewegung setzen.
Zehn Jahre DiningRuhm sind also kein Rückblick mit Mascherl und Schlussapplaus. Eher ein kräftiges Lebenszeichen aus der Lambrechtgasse. Da ist ein Restaurant gewachsen, ohne sich glattzupolieren. Da stehen zwei Brüder, die ihren Platz gefunden haben, aber offenbar nicht vorhaben, es sich darin allzu bequem zu machen. Und vielleicht war genau das an diesem Jubiläumsabend das Schönste: Man hat nicht nur gefeiert, was war. Man hat gespürt, dass da noch etwas kommt.
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