Nach der Hitze kommt die Rechnung

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Symbolbild ©iStock Foto

Die Rekordtemperaturen haben den Rhythmus des Wiener Tourismus verändert. Die Wirtschaftskammer bestätigt nun, wovor Culinarius-Geschäftsführer Franz Bernthaler bereits warnte: Die Gäste kommen später, bleiben kürzer – und die Kosten für die Betriebe steigen. Doch der Wandel eröffnet auch neue Chancen.

Zu Mittag warten im Schanigarten die leeren Tische, während drinnen Klimaanlagen und Kühlgeräte auf Hochtouren laufen. Erst wenn die Sonne langsam hinter den Häusern verschwindet, füllen sich die Plätze. Dann allerdings oft innerhalb kurzer Zeit. Der heiße Sommer hat den Wiener Gastronomen nicht nur zusätzliche Kosten beschert, sondern auch ihren gewohnten Tagesablauf durcheinandergebracht.

Culinarius-Geschäftsführer und Gastro:News Herausgeber Franz Bernthaler ©Culinarius

Was Culinarius-Geschäftsführer und Gastro:News Herausgeber Franz Bernthaler zuletzt aus zahlreichen Gesprächen mit Wiener Wirten berichtete, bestätigt nun auch die Wirtschaftskammer Wien: Die Hitze verändert nicht nur die Gastronomie, sondern den gesamten Wiener Tourismus. GASTRO.NEWS Artikel Klimawandel verändert die Gastronomie

Der Schanigarten verliert seine Garantie

„Für uns bedeuten die hohen Temperaturen zwei Dinge: Die Betriebszeiten verlagern sich nach hinten, wenn es am Abend kühler wird. Und die Umsätze gehen zurück, weil sich die Laune auszugehen mit steigenden Temperaturen abkühlt“, fasst Thomas Peschta, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien, die Situation zusammen.

Einige Gasthäuser reagierten mit Betriebsurlaub, andere nutzten die ruhigeren Wochen, um Urlaubsstände ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abzubauen. Der Schanigarten, über viele Jahre verlässlicher Umsatzbringer im Sommer, funktioniert längst nicht mehr automatisch.

Thomas Peschta, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien ©Weinwurm Fotografie

Wir haben heuer gelernt, dass der Umsatzmotor Schanigarten nicht nur bei zu niedrigen Temperaturen stottert, sondern auch bei zu hohen“, so Thomas Peschta, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien .

Gleichzeitig werde es immer wichtiger, die Gasträume gut zu klimatisieren – auch wenn dadurch die Energiekosten weiter steigen.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, auf die Bernthaler bereits aufmerksam gemacht hatte. Vor allem zu Mittag bleiben viele Gäste lieber im klimatisierten Büro oder lassen sich das Essen liefern. Restaurantbesuche werden in die Abendstunden verschoben, während sich das Geschäft für die Betriebe auf ein immer kleineres Zeitfenster konzentriert.

„Die Gastronomie lebt vom Erlebnis und vom Aufenthalt“, betonte Bernthaler. Genau dieser Aufenthalt wird bei großer Hitze zur Herausforderung. Selbst ein schöner Schanigarten verliert an Attraktivität, wenn Schatten, Luftbewegung und Abkühlung fehlen.

Auch die Hotels müssen kräftig investieren

Die Gastronomie ist dabei nur ein Teil einer Entwicklung, die den gesamten Wiener Tourismus betrifft. In der Hotellerie sind die notwendigen Investitionen besonders hoch. Nicht klimatisierte Zimmer lassen sich in einem Hitzesommer kaum noch verkaufen. Gleichzeitig stoßen ältere Kühlanlagen bei Außentemperaturen von 35 Grad und mehr an ihre Grenzen.

Felix Neutatz, Obmann der Wiener Hotellerie ©Studiowey

„Viele Klimaanlagen sind für die Temperaturen des vergangenen Sommers einfach unterdimensioniert. Man bekommt damit die Zimmer nicht unter 25 Grad, wenn es draußen 35 und mehr hat. Da müssen die Wiener Hotels kräftig nachbessern“, weiß Felix Neutatz, Obmann der Wiener Hotellerie.

Felix Neutatz, Obmann der Wiener Hotellerie, rechnet für die Betriebe mit Investitionen von mehreren Hunderttausend Euro. Bei großen Hotels könnten neue Kühlanlagen sogar weit mehr als eine Million Euro kosten. Hinzu kommen die laufenden Energiekosten, denn Hotelzimmer müssen bereits vor der Ankunft der Gäste auf eine angenehme Temperatur gebracht werden.

Das wirkt sich indirekt auch auf Restaurants, Cafés und Bars aus. Wenn Hotels höhere Kosten tragen müssen oder weniger Gäste nach Wien kommen, fehlt diese Frequenz später auch in den gastronomischen Betrieben.

Touristen weichen auf kühlere Städte aus

Gregor Kadanka, Obmann der Wiener Reisebüros, sieht zudem die Gefahr, dass klassische Städtereisen im Hochsommer an Attraktivität verlieren. Bei Temperaturen über 30 Grad werden Besichtigungstouren mühsam. Manche Gäste verlegen ihre Reise daher in den Frühling oder Herbst, andere entscheiden sich möglicherweise für kühlere Städte wie Stockholm, Kopenhagen oder Helsinki.

Gregor Kadanka, Obmann der Wiener Reisebüros ©by Mondial

„Ab 30 Grad werden Städtereisen mühsam, das wissen die Gäste. Das heißt, sie verlegen ihre Trips entweder zeitlich, also in das Frühjahr oder den Herbst, oder örtlich und weichen in kühlere Städte etwa weiter im Norden aus“, Gregor Kadanka, Obmann der Wiener Reisebüros.

Unbegrenzt verschieben lassen sich die Gästeströme allerdings nicht. Gerade September und Oktober zählen durch Kongresse und Seminare bereits jetzt zu den stärksten Monaten. Zusätzliche Gäste treffen dann auf begrenzte Kapazitäten, während der traditionell schwächere Sommer weiter an Boden verlieren könnte.

Ganz ohne Gewinner bleibt der Hitzesommer dennoch nicht. Gut gekühlte Museen, Freibäder und unterirdische Sehenswürdigkeiten wurden stark besucht. Fremdenführer verlegten ihre Touren in die frühen Morgen- oder späteren Abendstunden, einzelne Museen verlängerten ihre Öffnungszeiten.

Für die Gastronomie liegt darin eine Chance. Wenn sich das Leben in der Stadt zeitlich verschiebt, können auch die Betriebe ihre Angebote neu denken: spätere Küchenzeiten, attraktive Abendkonzepte, Kooperationen mit Kultur- und Freizeitbetrieben oder spezielle Menüs rund um Veranstaltungen. Leichte Gerichte, hochwertige alkoholfreie Getränke und angenehm temperierte Gasträume gewinnen zusätzlich an Bedeutung.

Aus der Belastung kann ein Vorteil werden

Bernthaler sieht die Anpassung deshalb nicht nur als Kostenfrage. Betriebe, die frühzeitig in Beschattung, effiziente Kühlung und flexible Konzepte investieren, können sich im Wettbewerb einen Vorteil verschaffen. Ein Restaurant kann an einem heißen Tag schließlich auch zu jenem Ort werden, an dem Gäste bewusst Abkühlung, Genuss und Erholung suchen.

Dafür braucht es jedoch entsprechende Rahmenbedingungen. Dominic Schmid, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft, fordert Investitionsförderungen, steuerliche Anreize sowie einfachere Genehmigungen für Klimageräte und Photovoltaikanlagen. Gleichzeitig müsse Wien zusätzliche Gründe schaffen, warum Gäste auch im Sommer in die Stadt kommen. Eine stärkere Positionierung als Eventstadt könnte dabei helfen.

Dominic Schmid, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft ©Studiowey

„Zum einen müssen die Betriebe bei der Transformation unterstützt werden, durch Investitionsförderungen und Freibeträge. Dazu braucht es Erleichterungen bei Genehmigungen, etwa für Klimageräte und Photovoltaikanlagen, um den nötigen Strom zu erzeugen. Zum anderen müssen wir aber auch zusätzliche Angebote schaffen, um weiterhin attraktiv für Gäste zu sein”, Dominic Schmid, Obmann der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft.

Der heiße Sommer hat gezeigt, dass sich die Wiener Gastronomie verändern muss. Doch er hat auch gezeigt, wohin die Reise gehen könnte: weg vom starren Tagesablauf, hin zu flexibleren Öffnungszeiten, neuen Abendangeboten und Restaurants, die selbst an den heißesten Tagen zu angenehmen Rückzugsorten werden. Die Hitze bleibt eine Belastung – wie erfolgreich die Betriebe damit umgehen, könnte künftig jedoch stärker denn je über volle oder leere Tische entscheiden.

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