Wo Heimat auf den Teller kommt

Martin Reischauer

Zwischen Brasilien und Portugal: Sterneköchin Angélica Salvador zu Gast im KIAS

Brasilianische Küche ist vieles, nur sicher nicht eindimensional. Sie ist geprägt von Regionen, Migration, Erinnerungen, Zutaten und Einflüssen, die sich kaum auf ein paar bekannte Gerichte reduzieren lassen. Genau dort setzt ein Abend an, der am 5. und 6. Oktober 2026 im Wiener KIAS stattfindet: Unter dem Titel „The Brazilian Table“ lädt Kias Burget die brasilianisch-portugiesische Köchin Angélica Salvador für zwei gemeinsame Dinner nach Wien.

Das Spannende daran ist weniger die klassische Idee eines Gastkoch-Abends als das Aufeinandertreffen zweier kulinarischer Perspektiven. Denn Burget beschäftigt sich im KIAS selbst intensiv damit, wie brasilianische Küche heute erzählt werden kann – modern, persönlich und ohne die üblichen Bilder bemühen zu müssen. Brasilien ist bei ihm kein Dekor, sondern Ausgangspunkt. Aromen und Erinnerungen werden weitergedacht, neu kombiniert und in einen Wiener Kontext gesetzt.

Salvador wiederum hat ihren eigenen Zugang über einen Umweg gefunden – oder besser gesagt: über ein zweites Zuhause.

Geboren wurde sie in Engenheiro Beltrão im südbrasilianischen Bundesstaat Paraná. Mit 21 Jahren übersiedelte sie nach Portugal. Was zunächst ein geografischer Wechsel war, wurde mit den Jahren zum wesentlichen Bestandteil ihrer kulinarischen Identität. Brasilien blieb, Portugal kam dazu. Heute kocht Salvador genau aus dieser Spannung heraus.

Heimat ist kein fixer Geschmack

In ihrer Küche geht es viel um Erinnerung, Herkunft und darum, was mit vertrauten Geschmäckern passiert, wenn man sich von ihnen entfernt. Salvador übersetzt brasilianische Einflüsse in eine zeitgemäße Küche, die gleichzeitig tief in Portugal verankert ist.

Dabei können Zutaten wie Tucupi, der fermentierte Manioksaft aus Brasilien, ebenso selbstverständlich Teil ihrer Handschrift sein wie portugiesische Produkte und Traditionen. Entscheidend ist nicht der möglichst spektakuläre Zusammenprall zweier Küchen. Vielmehr sucht Salvador Verbindungen, arbeitet mit Erinnerungen und lässt daraus etwas Eigenständiges entstehen.

Das klingt zurückhaltend, dahinter steckt allerdings jede Menge Erfahrung. Stationen ihrer Laufbahn waren unter anderem das Sheraton Algarve Hotel, das Vila Vita Parc, das Tróia Design Hotel und das Júpiter Lisboa Hotel. Dort entwickelte sich nach und nach jene Kombination aus Technik und persönlicher Erzählung, die heute ihre Küche prägt.

2018 eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Tiago Bonito das Restaurant In Diferente in Foz do Douro bei Porto. Seitdem ist es Salvadors Bühne für eine Küche, die sich nicht besonders laut als „anders“ inszenieren muss. Der Unterschied steckt eher im Detail: in der Auswahl der Produkte, in der Saison, in der Beschäftigung mit Produzenten – und in der Frage, welche Geschichte ein Gericht überhaupt erzählen soll.

Ein Stern und eine bemerkenswerte Konstellation

2026 wurde Angélica Salvador mit ihrem ersten Michelin-Stern ausgezeichnet. Damit ist sie die zweite Frau in Portugal, der diese Auszeichnung verliehen wurde.

Auch privat ergibt sich daraus eine außergewöhnliche Konstellation: Ihr Partner Tiago Bonito ist ebenfalls Michelin-prämierter Küchenchef. Laut den vorliegenden Angaben sind Salvador und Bonito erst das zweite Paar weltweit, das jeweils für das eigene Restaurant mit Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde.

Schön für die Vitrine, keine Frage. Interessanter ist aber, was danach passiert. Denn am nächsten Abend zählt in einer Küche wieder genau dasselbe wie zuvor: Produkt, Timing, Geschmack. Eine Auszeichnung kocht schließlich nicht mit.

Und genau deshalb dürfte der Besuch in Wien spannend werden.

Denn mit Kias Burget trifft Salvador hier nicht auf einen Gastgeber, der bloß seine Küche für zwei Abende zur Verfügung stellt. Burget bringt seine eigene Vorstellung eines modernen Brasilien mit an den Tisch. Im KIAS sucht er nicht nach einer möglichst authentischen Kopie vertrauter Gerichte, sondern nach einer eigenen Sprache dafür, was brasilianische Küche in Wien sein kann. Herkunft spielt dabei eine Rolle, aber sie wird nicht unter eine Glasglocke gestellt. Sie darf sich verändern.

Genau an diesem Punkt kommen sich die beiden Küchen ziemlich nahe.

Sechs Gänge, zwei Handschriften

Für „The Brazilian Table“ treffen Salvador und Burget im KIAS aufeinander. Serviert wird ein sechsgängiges Tasting-Menü mit Welcome Drink, der Preis beträgt 179 Euro pro Person.

Was genau auf die Teller kommt, ist dabei fast weniger interessant als die Ausgangslage dahinter. Hier treffen keine sauber voneinander getrennten Kategorien wie „Brasilien“ und „Portugal“ aufeinander. Vielmehr begegnen sich zwei Köch:innen, die sich aus unterschiedlichen Richtungen mit Herkunft beschäftigen.

Bei Salvador ist es die Verbindung zwischen Brasilien und ihrer portugiesischen Wahlheimat. Bei Burget die Frage, wie sich brasilianische Aromen und Erinnerungen in Wien weiterentwickeln können. Gemeinsam entsteht daraus kein Länderduell, sondern ein kulinarisches Gespräch.

Wie viel Heimat steckt in einer Zutat? Wie verändert sich Geschmack, wenn man ein Land verlässt? Und wann wird Erinnerung eigentlich zu einer eigenen kulinarischen Sprache?

Vielleicht sind das ohnehin die interessanteren Fragen als jene, ob ein Gericht nun eindeutig brasilianisch, portugiesisch oder österreichisch ist.

The Brazilian Table
KIAS, Wien
5. und 6. Oktober 2026
6-Gänge-Tasting-Menü inklusive Welcome Drink
179 Euro pro Person

HIER Reservieren

Fotocredits: Angélica Salvador – Sauce / Food Story Telling; Kias Burget – Dominik Martanovic
Titelbild: KI-generiert

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