Der Guide Michelin zeichnete mit dem Grünen Stern Restaurants aus, die sich besonders stark den Themen Nachhaltigkeit und Regionalität widmen. Nun ist diese Auszeichnung verschwunden. Gastro.News hat beim Guide Michelin und bei einem betroffenen Restaurant nachgefragt.
Der Grüne Stern wurde 2026 gleich 41 Mal in Österreich vergeben. Für viele Restaurants war es die erste große Auszeichnung des Guide Michelin seitdem der legendäre französische Restaurantführer wieder in ganz Österreich auf den Markt trat. Nun ist das unverkennbare grüne Symbol neben den Namen der Restaurants auf der Michelin-Website verschwunden. Die Auszeichnung wurde eingestellt – nicht nur in Österreich, sondern überall.
„Wir fühlen uns im Stich gelassen“, titelte The Guardian dieser Tage in London und zitierte damit britische Spitzenköche, die viel auf diese Auszeichnung gesetzt hatten.
Das sagt Michelin
Auf Nachfrage beim Guide Michelin erfahren wir, dass die Einstellung des Grünen Sterns teil einer Neuausrichtung ist. “Die Entscheidung, die Grünen Sterne schrittweise auslaufen zu lassen, ist Teil einer strategischen Weiterentwicklung des MICHELIN Guide. Der Grüne Stern ist bislang ausschließlich auf die Gastronomie ausgerichtet. Inzwischen deckt der Guide jedoch ein deutlich breiteres Spektrum ab und umfasst neben Restaurants auch die Bereiche Hotellerie und Wein,” heißt es dort. Näheres zu den Hintergründen und wie sich die Vergabe der Auszeichnung für Nachhaltigkeit in der Praxis wirklich gestaltet hat, erfahren wir erst bei einem betroffenen Gastronomen.
Kritik am Vergabeprozess
Die hierzulande relativ hohe Zahl an Restaurants, die besonders nachhaltig agieren und für ihre Arbeit den Grünen Stern erhalten haben, unterstreicht die starke Hinwendung der heimischen Gastronomie in Richtung Regionalität und umweltbewusste Küche. Zu diesen Restaurants gehört auch jenes der Familie Sicher in versteckter Idylle in Südkärnten. Koch Michael Sicher geht in der Umsetzung von Regionalität und Nachhaltigkeit stets einen Schritt weiter. Das Fischrestaurant setzt auf Fine Dining auf Basis eigener und regionaler Produkte. 24 Fischteiche werden von einem Gebirgsbach gespeist, der hauseigene Saiblingskaviar wird aus der Fischzucht schonend und lebend gewonnen, und selbst exotische Küchenkräuter kommen aus dem eigenen Garten. Für Sicher ist die Auszeichnung mit dem Grünen Stern grundsätzlich eine schöne Idee. „So wie es umgesetzt wurde, war es aber nicht in Ordnung“, erfahren wir vom Kärntner. „Ich habe die ganze Vorgehensweise von Anfang an kritisiert.“ Was war passiert? „Die Auszeichnung wird anhand eines Formulars vergeben, das wir als Betrieb ausfüllen. Manchmal kommt vielleicht ein Telefonat dazu, aber das war’s. Es ist niemand vor Ort, der sich persönlich anschaut, wen und was er eigentlich auszeichnet.“
Ob es sich nun um personelle oder budgetäre Grenzen handelt, die hinter der niederschwelligen Bewertungsstrategie stehen – in jedem Fall lag die fehlende Transparenz bei Gastronomen international schon länger in der Kritik. „Zu Recht“, wie Sicher findet. So, wie es bisher gehandhabt wurde, ähnele es mehr einer gezielten Bedienung des Trendwortes Nachhaltigkeit zu Marketingzwecken als tatsächlichen Bemühungen zur Förderung von Restaurants.
Auszeichnungen für die Sichtbarkeit
Über die Vergabe habe man sich dennoch gefreut: „Es ist sehr schön für uns, ausgezeichnet zu werden“, so Sicher weiter. „Auszeichnungen bedeuten für uns in erster Linie Sichtbarkeit, und im Fall des Guide Michelin vor allem bei internationalen Gästen, die genau danach suchen.“ Nach Grünen Sternen suchen – danach konnte man auf der Website des Guide schon eine Weile nicht mehr. Ein Einschnitt für Betriebe, die auf diese Auszeichnung bauen. Für Sicher ist es weniger ein Verlust als eine Bestätigung dessen, was er bereits am Vergabeprozess kritisiert hat.
Das plötzliche Verschwinden der Sternekategorie ging ebenso undurchsichtig vonstatten – wurden doch erst vor zwei Wochen in Kanada die letzten Grünen Sterne vergeben.
Als redaktionelles Konzept rückt „Mindful Voices“ nach, wie der Guide offiziell verkündet:
“Mit dem neuen Konzept „Mindful Voices“ wird ein übergreifender redaktioneller Rahmen geschaffen, der verantwortungsvolles Handeln in allen drei Bereichen – Gastronomie, Hotellerie und Weinanbau – sichtbar macht. Im Fokus stehen dabei nicht mehr einzelne Auszeichnungen für Orte, sondern die Menschen dahinter (…) die mit innovativen Ideen und neuen Praktiken bewusst zur Entwicklung ihrer Branche beitragen.” Das Schlüsselwort der Nachhaltigkeit, über die sich so viele Betriebe definieren, kommt dabei nur noch als Teil des Ganzen vor.
Dennoch – ein Format mit Potenzial, findet auch Michael Sicher: „Aber nur, wenn sich an der Herangehensweise etwas ändert.“












