Abschied von Christian Wukonigg

Martin Reischauer

Christian Wukonigg war einer, der Räume verstanden hat. Nicht als Quadratmeter mit Tischen, Licht und Küche, sondern als Orte, an denen Menschen landen können. Zum Reden, zum Schweigen, zum Schauen, zum Essen, zum Alleinsein unter Leuten. Er wusste, dass ein gutes Lokal nicht nur funktionieren darf. Es muss leben. Und leben heißt in Wien meistens: ein bisserl Reibung, ein bisserl Wärme, ein paar Stammgäste, ein paar Zufälle und genug Eigenart, damit es nicht fad wird.

Im Café Engländer hat man das gespürt. Man kam herein, hing den Mantel über die Lehne, bestellte einen Kaffee, vielleicht ein Gulasch, vielleicht nur ein Wasser dazu, und hatte ziemlich schnell das Gefühl: Da muss man jetzt nichts aufführen. Nicht wichtig sein, nicht laut, nicht besonders elegant. Man durfte einfach sitzen. In Wien ist das eh schon eine große Sache.

Dass so etwas selbstverständlich wirkt, ist die eigentliche Kunst. Christian Wukonigg war keiner, der ein Konzept auf eine Fläche gelegt hat und dann gehofft hat, dass die Leute schon brav dazu passen werden. Er hatte ein Gespür für den Ton eines Hauses, für seine Macken, seine Stimmung und seine Menschen. Für Ober, die den Raum kennen. Für Gäste, die wiederkommen. Für diese Mischung aus Nähe und Abstand, die man in Wien nicht erklären kann, weil sie sonst schon wieder weg ist.

Einer, der Menschen und Orte lesen konnte

Wukonigg kam ursprünglich aus der Welt der Bücher: gelernter Buchhändler, kurz Kunstgeschichte, ein Antiquariat in der Schönlaterngasse. Schon das klingt nach Wien, aber nicht nach Postkarte. Eher nach enger Gasse, altem Stein, einem Geschäft, in dem man eintritt und sofort leiser wird. Das ist keine hübsche Fußnote, sondern erzählt etwas über ihn. Wer mit Büchern zu tun hat, weiß, dass nicht alles auf der ersten Seite stehen muss, dass Atmosphäre zählt und dass Menschen Zeit brauchen, bis sie ankommen.

Vielleicht hat ihn genau das zu diesem besonderen Gastgeber gemacht. Nicht laut, nicht vorneweg mit Trommelwirbel, nicht dauernd damit beschäftigt, sich selbst zur Marke zu machen. Eher einer, der gespürt hat, ob ein Raum stimmt, ob ein Gast seine Ruh’ braucht, ob ein Tisch noch ein Gespräch verträgt, ob ein Abend kippt oder gerade erst gut wird. Diese Aufmerksamkeit ist leise. Aber sie trägt ein Haus.

1991 eröffnete Wukonigg an der Stelle des früheren Café Windhaag das Café Engländer in der Postgasse. Aus diesem Anfang wurde mit den Jahren nicht einfach eine bekannte Adresse, sondern ein Stück Wiener Alltag. Manchmal eng, manchmal laut, manchmal grantig, oft warm. Dort saßen Kulturleute, Medienmenschen, Nachbarn, Stammgäste, Zufallsgäste; manche wollten gesehen werden, andere wollten genau das Gegenteil. Das Engländer konnte beides. Kaffeehaus, Restaurant, Treffpunkt, Ausweichquartier, Bühne und Versteck. Nicht als Wien-Kulisse, nicht mit Mascherl, sondern echt genug, dass man geblieben ist.

Kein leichter Beruf, kein kleiner Beitrag

Von außen schaut Gastronomie oft nach Gläsern und vollen Tischen aus, innen ist sie ein anderes Spiel: Rechnungen, Personal, Druck, schlechte Tage, Entscheidungen, die keiner sieht. Auch Wukoniggs Weg ging nicht schnurgerade dahin. Es gab Brüche, Schwierigkeiten, Neuanfänge. Aber er blieb dran. Und dieses Dranbleiben sagt wahrscheinlich mehr über ihn als jeder noch so schön polierte Satz.

Später kamen weitere Orte dazu: Paul & Vitos am Petersplatz, die Bar 1010, zuletzt das zweite Engländer am Praterstern. Auch daran sieht man etwas von ihm. Er suchte nicht nur hübsche Räume, sondern Möglichkeiten. Der Praterstern ist kein Ort, der einem die Eleganz auf dem Silbertablett serviert. Dort noch einmal ein Engländer zu versuchen, hatte Mut. Und Vertrauen in Wien, auch dort, wo Wien nicht immer seine Schokoladenseite herzeigt.

Zu Christian Wukonigg gehörte auch dieses andere Wien, das rund um seine Lokale immer mitschwang: Kunst, Film, Freundschaften, Menschen, die irgendwie zusammenfinden. Dass er auch einmal vor der Kamera stand, als Anwalt oder Barmann, passt fast zu gut, um es groß auszubreiten. Keine Schauspielerzählung, kein Nebenschauplatz, den man aufblasen müsste. Eher eine kleine, schöne Spur: einer aus der Gastronomie schaut kurz in den Film hinein und bleibt dabei ganz bei sich.

Nun ist Christian Wukonigg unerwartet gestorben. Für seine Familie, seine Freundinnen und Freunde, seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das ein Verlust, den ein öffentlicher Text nur streifen kann. Wer mit ihm gearbeitet hat, wird andere Geschichten kennen, nähere, genauere, vielleicht auch widersprüchlichere. So ist das bei Menschen, die etwas aufgebaut haben: Von außen sieht man den Raum, von innen die “Hackn”.

Was man sagen kann: Christian Wukonigg hat Wien etwas gegeben, das selten geworden ist — Orte, an denen man bleiben wollte. Nicht weil alles perfekt war. Perfekt ist eh oft fad. Sondern weil etwas gestimmt hat. Weil man dort sitzen konnte und für eine Weile das Gefühl hatte: Der Lärm draußen soll ruhig weiter tun, hier herinnen passt es gerade.

Wie es mit dem Engländer weitergeht, werden andere entscheiden müssen. Im Moment bleibt vor allem der Abschied von einem Menschen, der diesem Haus und dieser Stadt viel gegeben hat. In den Räumen, die Christian Wukonigg geprägt hat, bleibt etwas von ihm zurück: in der Wärme ohne Kitsch, im Charakter ohne Gehabe und in diesem Wiener Talent, das Schwere leicht aussehen zu lassen.

Dafür bleibt Dankbarkeit und Traurigkeit.

Gastronom Christian Wukonigg (✝ 2026) vor Paul und Vitos ©Culinarius

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