Gastro-Beben: Holzers Analyse

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Was sich im Juli in der Lokalszene so alles tat, und was uns das sagen könnte.

Die Rückkehr der Sommerschließung

Was uns diesen Juli (aber auch schon in den Julis der vergangenen zwei Jahre) besonders auffiel, ist die Rückkehr zur guten, alten Österreichischen Tradition der Sommerschließung. Wobei diese während der Hochkonjunktur fast in Vergessen geratene Tradition heute wohl aus anderen Gründen gepflegt wird als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren: Aktuell wird wohl nicht zugemacht, weil eh alle auf Urlaub sind und keiner essen geht, sondern eher, um wertvolles Personal zu schonen.

Lokale, die nicht mehr aufmachen

Was wir gleich als Anlass nehmen wollen, uns die Kandidaten anzusehen, die auch nach der Sommerpause nicht mehr aufmachen werden. So zum Beispiel das Steinhart im Erdgeschoß der Waterdrop-Headquarters in der ehemaligen Gösserhalle im Neo-Stadtteil Neues Landgut. Das vor drei Jahren mit enormer Ambition startete und tatsächlich daran glaubte, in Favoriten mit einem Lounge-gestylten Fine Dining-Restaurant überleben zu können. Das ist schon im Belvedere-Quartier nicht leicht, an der Laxenburger Straße darf so ein Versuch als hoffnungsloses Unterfangen gelten.

Ganz andere Gründe dürfte das Aus der Traditions-Pizzeria Fiorino in der Praterstraße haben: Dort war man lange Zeit stolz darauf, sich über fast vierzig Jahre kaum verändert zu haben – was in einer sich rasch verändernden und verjüngenden Umgebung selten eine gute Strategie darstellt. Noch dazu hat sich die Konkurrenz-Situation gerade am Pizza-Sektor dramatisch verschärft, „normale“ Pizza geht man heute nicht mehr im Lokal essen, die lässt man sich liefern.

Und wieder anders ist das Aus des leider nur sehr kurz existierenden AUX im Wiener Funkhaus zu erklären: Nachdem Felix Neubauer die Leitung der im Oktober eröffneten avantgardistischen Weinbar hingeschmissen hatte, weil selbst ihm als Universalisten der Betrieb sämtlicher Gastronomien im ehemaligen Funkhaus zu viel wurden, schlingerte das Lokal ins personelle Chaos. Es ist aktuell wegen „Renovierungsarbeiten“ geschlossen.

Und apropos geschlossene „Aux“-Lokale: Das Aux Gazelles machte nach 24 Jahren dicht: 2002 hatte das komplexe Projekt der Immobilien-Entwicklerin und Szene-Figur Christine Ruckendorfer noch die Türen in eine andere Welt geöffnet – Wiens erstes Hammam, ein französisch-orientalisches Restaurant, in dem Champagner und Austern geschlürft werden sollten, ein Bazar, eine Club-Lounge … So wirklich landen konnte dieses Raumschiff der Träume aber nie ganz, geriet immer wieder in Turbulenzen, wurde immer wieder aufgefangen, ohne dabei aber an Attraktivität zu gewinnen.

Nur vorübergehend geschlossen

Tatsächlich nur vorübergehend geschlossen sind hingegen Das Drittl, eines der spannendsten und heitersten Projekte zur Neuerfindung der Wiener Küche in den vergangenen Jahren, sowie das Oak 107, eine der definitiv besten Adressen im Land, um gepflegte Steak-Kultur genießen zu können: Die jungen Männer vom Drittl beendeten ihre Untermiete im Back-Bistro Ährlich und besiedeln ein eigenes Lokal, das dann auch ein größeres Programm bieten wird; und das Oak 107 wechselt von der etwas versteckten Lage an der Mariahilfer Straße in die Innenstadt in die Fichtegasse, wo in den vergangenen sechs Jahren diverse großformatige Bierlokale zuverlässig scheiterten. Möge die Übung gelingen!

Neuzugänge mit Hype-Potenzial

Aber nun zu den Neuzugängen: Das Leo Grand hatte nach seinen Flops mit einem Kaviar-getunten Dots und einer Cosmo Kitchen samt austro-französisch-orientalischer Allerwelts-Luxusküche endlich eine gute, mutige Idee. Und lud Jakob Bergholtz sowie Lucas Shong, beide aus dem jung-kreativen „kitchen takeover“-Milieu (Café Kandl, Das Drittl …), dazu ein, das kitschige Hotelrestaurant in bester Lage drei Monate lang mit ihrem wilden „Sekki“-Pop up zu bereichern. Was die Hype-Community mit Begeisterung aufnahm.

Wenn aus Pop-ups fixe Adressen werden

Oder das Tacos-Projekt von Laurenz Beldecchi namens Tacos Hermanos, im Vorjahr als Pop up am Naschmarkt gestartet und von Social Media ebenfalls heiß geliebt, das nun fix in ein Souterrain-Lokal in der Kolingasse einzog. Fast bekommt man das Gefühl, das sich Wiens junge wilde Pop-upper gar sehr schnell situieren wollen, was zwar ein bisschen schade ist, aber es kommen wahrscheinlich eh bald neue wilde Kinder nach …

Sophie, Otto und die KI-Frage

Die schon mehrmals verschobene Eröffnung des Restaurant-Projektes Sophie7 am Gelände des ehemaligen Sophienspitals gegenüber vom Westbahnhof geht Ende Juli mit kleinem Programm sanft an den Start, im August dann aller Voraussicht nach so wirklich. Womit wir bei einem weiteren Trend zumindest in der Wiener Gastronomie angekommen wären – da heißen nämlich auf einmal alle Lokale entweder Sophie oder Otto: Otto & Camillo, Otto am Beach, Otto am Donaukanal, Karl & Otto, Käpt’n Otto, Otto Yami und Biergasthof Otto. Und neben dem Sophie7 und der Brasserie Sophie im Palais Hansen Anantara nannte nun auch das neu eröffnete Hotel im Palais Chotek seine Tagesbar Sophie. Warum? Es gibt doch bitte auch andere Namen als nur die zwei, oder verlangt da die KI danach?

Von Rush Hour bis Tisch & Matte

Das ehemalige Hidden Kitchen in der Invalidenstraße, in dem man nicht nur gut essen, sondern sich auch einen Picknick-Korb für den Stadtpark checken konnte, ist seit kurzem eine weitere „Chinese Eatery“ mit dem sicherlich nicht vom Feng Shui-Berater empfohlenen Namen Rush Hour. Erfreuliche Nachrichten dafür aus dem Bereich der Würstelstände: Patricia Pölzl, die nicht nur mit ihrem Standl am Wiener Zentralfriedhof für Aufsehen sorgte – und zwar sowohl wegen der exzellenten Wurstware als auch wegen des heiter-resignativen Namens „Eh scho wurscht“ –, sondern auch die maßgebliche Kraft hinter der Initiative zur Erhebung des Wiener Würstelstandes zum immateriellen Weltkulturerbe war, hat beim Eingang zum Tiergarten Schönbrunn einen weiteren Stand eröffnet. Mit „Wiener Würstelpavillon“ etwas frohgemuter benannt, klar, sonst fangen die Kinder ja zu weinen an. Die rumänische Fast-Fisch-Kette Pescobar eröffnete kurz nach der ersten Filiale in Favoriten nun im ehemaligen Subways gegenüber der Uni einen zweiten Standort, ein durchaus gewagtes Unternehmen. Und mit dem – auch hier liegt ein durchaus ungewöhnlicher Name vor – Tisch & Matte kommen wir am Schluss zu einer guten Nachricht: Nämlich, dass der ehemalige Zwischenbrückenwirt wieder offen hat. Und zwar nicht nur als Restaurant, für das Navid Adham verantwortlich ist, sondern (bald) auch als Yoga-Studio, daher der Name. Dem sowohl guten als auch günstigen Tagesteller des Zwischenbrückenwirts blieb man treu, und trotz moderner, leichter Küchenlinie ebenfalls treu verbunden blieb Navid Adham dem faschierten Braten, einem der Highlights seiner langjährigen Wirkungsstätte „Am Nordpol 3“.

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