Was sich im Mai in der Lokalszene so alles tat, und was uns das sagen könnte.
Der Mai zählt – gemeinsam mit dem September – zu den gastronomisch ertragreichsten Monaten des Jahres: Die Schlechtwetter/Schlechtlaune-Phasen sind ebenso vorbei wie sämtliche traditionellen oder neumodischen Fastenzeiten, Gastgärten machen auf, Schanigärten werden rausgeräumt, zwei Monate Umsatz vor der großen Sommerflaute stehen bevor. Das bringt die neuen Lokale zum Sprießen.
Und diesen Mai tat sich besonders viel, wobei wir die Neuigkeiten grob in drei Kategorien unterteilen können: Echte Newcomer, dann solche, bei denen ein gescheitertes Konzept durch ein anderes Konzept abgelöst wurde, und schließlich jene Kandidaten, die sich „neu erfinden“.
Unter die wirklichen Neuigkeiten fällt etwa das (allerdings schon im April eröffnete, so ehrlich muss ich sein) Wildkaffee, das erste Café in Wien der sehr besonderen Rösterei aus Garmisch-Partenkirchen. Erstmals konnte man die außergewöhnlichen Kaffees in der Balthasar-Kaffeebar in der Praterstraße probieren, seit einiger Zeit unterhält die Rösterei auch einen Showroom in der Hermanngasse, aber das Komplett-Sortiment direkt vom Hersteller, das ist neu. Wodurch unterscheidet sich Wild-Kaffee von den anderen gefühlt viertausend Specialty-Coffeebars in Wien? Vor allem durch Martin Wölfl, der nicht nur in Österreich Barista des Jahres wurde, sondern 2024 auch den World Brewers Cup für sich entscheiden konnte. Wölfl kann also nicht nur lustige Muster in den Milchschaum machen, er kennt sich mit Kaffee wirklich aus. Und das ist gut so, denn er bedient mit einer Slayer hier auch eine der besten und teuersten Kaffeemaschinen, die es gibt.
Außerdem ganz neu ist das Biernat, Wiens erste Kölschbar, in der einem Dominic Biernat aus Solingen erklärt, warum es sinnvoll ist, das erfrischende obergärige Bier aus Köln aus winzigen 0,2 Liter-Gläsern zu trinken (weil es schnell schal wird), und warum leere Gläser automatisch durch volle ersetzt werden, außer man legt den Untersetzer drauf (weil damit die gute Unterhaltung nicht durch Rufe nach der Servierkraft unterbrochen wird, und ein kleines Glas ist ja schnell leer …).
Und auch irgendwie ganz neu, wobei zugleich uralt, und dann außerdem schon das zweite Mal vom gleichen Mann gemacht ist der Gasthof Kaiser in Peisching im Piestingtal: Claus Curn übernahm den winzigen Gasthof aus dem Jahr 1870, in den er sich 2001 nach einer persönlichen und finanziellen Katastrophe zurückzog, ihn in den Folgejahren zu einem der herzlichsten Landgasthäuser Niederösterreichs machte, nach zwölf Jahren aber wieder aufgab, nämlich erneut. Diesmal gemeinsam mit seinem im Sacher ausgebildeten Sohn Valentin, sie renovierten eigenhändig, kaufen in der unmittelbaren Umgebung ein und kochen hier nun eine leichte mediterran-österreichische Fusionsküche mit sowohl kreativen als auch hausmannsköstlichen Akzenten. „Nur, was wir auch selber gerne essen“, sagt Curn.
Wenn Altes verschwindet und Neues einzieht
Die Liste der Ablösen hingegen ist wirklich mächtig in diesem Monat: So etwa machte das Langzeit-Szenelokal Leopold zu und wurde ohne größere Veränderungen des 90er Jahre-Bistros zu Armandos. In dem Küchenchef Enes Irik – im leider nur kurz ambitioniert bekochten Steinhart in Favoriten sehr überzeugend, im Oben am Dach der Wiener Hauptbibliothek nicht ganz so – nun spanische Tapas und türkische Mezze zubereitet. Will man beides.
Die Avantgarde-Kaffeebar Caffè Couture von Georg Branny wurde nach 16 Jahren von den Leuten des veganen Bistro Deppat (übrigens gleich ums Eck vom Armandos) übernommen, heißt jetzt Bistro Narrisch und bietet die Kaffees mit veganer Milch an. Unmittelbar am Uni-Campus im Alten AKH sicher keine schlechte Idee.
Und auch wenn wir das Sakai in der Florianigasse nach wie vor vermissen, das an seiner statt soeben gestartete SAN des in China geborenen Kevin Chen und des aus Manila stammenden Mark James Rogado ist alles andere als uninteressant: Wenn jemand asiatische Fusionsküche glaubhaft vermitteln kann, dann die beiden.
Das Konzept des Aumaerk-Stadt-Bistros, in dem der Strebersdorfer Fleischveredler sich nicht nur mit vakuumierten Kleinportionen seiner Fertiggerichte an Letztverbraucher wandte, sondern das vorgegarte Fleisch auch zubereitet servierte, war nicht von Erfolg gekrönt und wurde nun vom Valberg abgelöst. Dem Thema Fleisch blieb man im völlig neu gestalteten Lokal ein bisschen treu, Immobilien-Unternehmer Philipp Ilias setzt auf Beef tatar zu Champagner und einer Weinkarte quer durch den Gemüsegarten. Sagen wir so: Wird man sehen, ob das reicht.
Nachdem das ehemalige Lemon Green in der Döblinger Hauptstraße, seinerzeit so etwas wie ein Pionier der Pan Asia-Küche, auch als Vienam, Haru und wer weiß was noch alles nur beschränkt erfolgreich war, versucht es die Pan Asia-Kette Momoya hier nun dennoch wieder. Na vielleicht klappt’s diesmal.
Dass Kent eine Location aufgibt, passiert auch nicht alle Tage. So geschehen aber in der Favoritenstraße, und das nach nur vier Jahren: 2022 war die türkische Erfolgs-Kette in die architektonisch überaus auffällige ehemalige Z-Filiale eingezogen, die Günther Domenig hier Mitte der 70er-Jahre gebaut hatte. Und versuchte die Bank mit der Alien-Fassade zu einem vierstöckigen Restaurant zu machen. Keine leichte Übung, noch dazu bei der boomenden Konkurrenz an selbstbewusster, türkischer Gastronomie in diesem Grätzel. Nun überließ man das wirklich nicht einfach zu bespielende Objekt einem rumänischen Unternehmen namens Pescobar, das sich auf die Zubereitung von Oktopus spezialisiert hat, darunter auch als Burger. Soll in Karlsruhe angeblich sehr erfolgreich sein. Wird es in Favoriten schwer haben.
Wobei: Auch der ehemalige Kaiserwalzer – berüchtigt aufgrund seiner eigenartigen Gruft-Stimmung einer ehemaligen k.u.k. Hoftischlerei aus dem 19. Jahrhundert – galt als gastronomischer Location-Endgegner. Wurde nun aber von den Betreibern des lustigen, bunten Clubs Monami in der Theobaldgasse übernommen, die hier nicht lange herumfackelten und den grandiosen Gastgarten, einen der schönsten der Hauptstadt, zum unkomplizierten Stadtheurigen namens Monami Garten machen. Kommt das bei den Leuten gut an? Ja, das tut es, weil es niederschwellig und ungezwungen ist. Dafür ist man heute schon sehr dankbar.
Und einen nicht unähnlichen Ruf hat das Kunsthalle-Café am Karlsplatz – die hier verschlissenen Gastronomie-Profis sind Legion. Erst 2024 hatten die „Gyoza Brothers“ – sie betreiben neben dem Ra’mien und dem Shanghai Tan auch die Takeaway-Kette Ra’mien-go sowie die Lokale im Leopold-Museum im MQ – übernommen, nun ist das neo-chinesische Chinacy dran, das bisher ein winziges Lokal in der Johannesgasse betrieb. Möge die Übung gelingen.
Neustart statt Neuanfang
Und nun zu denen, die sich im Mai „neu erfanden“. Das Ziizuu am Universitätsring zum Beispiel, das Österreichs Club-König Joachim Natschläger Anfang 2024 gemeinsam mit einem ukrainischen Investor, der gerne im Hintergrund bleibt, als eine Art Dinner-Club aufmachte. Sich dann aber bald aus dem Unternehmen zurückzog, woraufhin die verbleibenden Gesellschafter den riesigen Dinner-Club mit Dschungel-Optik nun zu einem kaukasischen Restaurant namens Chaihona umfunktionierten. Wenn ich die KI frage, ob so ein Projekt Chancen auf Erfolg hat, ist sie begeistert und sagt ja. Die Unternehmer haben offenbar die gleiche KI.
Ebenfalls neu erfinden will sich wie fast jedes Jahr das Restaurant im Otto Wagner-Schützenhaus des Gastronomie-Großunternehmers Philipp Pracser („Augenweide“, „Blumenwiese“, „Die Allee“, „Stadt-Allee“ …): Nach dem „Liebfisch“ genannten Erstversuch aus dem Jahr 2022 wurde zwei Jahre später das Otto will Meer daraus, ein aufwändig gestaltetes Mittelding aus Fischrestaurant und Disco mit ambitiöser Fischkarte. Aktuell firmiert das Lokal als Otto am Donaukanal und setzt nun doch eher auf Steaks – Flexibilität ist alles und ersetzt jedes noch so halbgare Konzept.
Apropos, auch das Restaurant Wolf in Langenlebarn verabschiedet sich von seiner kostspieligen Menü-Linie und setzt mit neuem Küchenchef Mark Lukaseder wieder mehr auf a la Carte, bleibt preislich aber in der Top-Liga verortet. Ob das den angepeilten „schnell auf ein Bier“-Effekt erzielen wird, bleibt abzuwarten.
Und schließlich eine erstaunliche Wiederauferstehung nach einem ebenfalls durchaus rästelhaften Ende: Die vegane Bäckerei Moriz – 2024 mit riesiger Investition und enormer Mannschaft gestartet – rutschte ja nach nur wenigen Monaten in die Insolvenz. Jetzt ist offenbar neues Geld da, man arbeitet mit kleinerem Team, steckt die Ziele enger. Klingt vernünftig.
Die Überraschungen des Monats
Und schnell noch drei Kapitel aus der Abteilung „Na so eine Überraschung“: Vielleicht erlebt Vitavien ja auch so ein Wunder wie das Moriz, wahrscheinlich aber nicht: Die Istanbuler Gelato- und Konditorei-Kette hatte in nur einem Jahr Wiener Top-Locations im ganz großen Stil eingekauft – und sich damit schwer verrechnet: Insolvenz. Auch interessant, dass sich die US-amerikanische Pizza-Kette Domino’s mit Ende des Monats aus Österreich zurückzieht und alle zehn Standorte in Wien aufgibt. Das soll jetzt nicht schadenfroh klingen, aber: Wen wundert’s? Gute Pizzerien gibt’s mittlerweile an jeder Ecke, wer braucht dann auch noch zehn weniger gute?
Weniger dramatisch, aber ebenso erwartbar das sehr schnelle Ende des eigenartigen Tofurollen-Fastfoodlokals Papa Duck: „Technische Probleme“, heißt es dazu.
Alles klar!












