40 Jahre Transformation im Gastro-Großhandel

Martin Reischauer

Vom C+C-Markt zum 19. Standort: 40 Jahre Wandel im Gastro-Großhandel

Mit der bevorstehenden Pensionierung von Manfred Hayböck endet bei Transgourmet Österreich nicht einfach eine lange Managementlaufbahn. Es geht auch ein Stück Unternehmens- und Branchengeschichte. Beim Hintergrundgespräch wurde deutlich, wie tiefgreifend sich der Gastro-Großhandel in Österreich verändert hat – und wie viel Kraft, Tempo und Anpassungsfähigkeit dieser Wandel verlangt hat.

Fast 40 Jahre in einem Unternehmen hinterlassen Spuren. Bei Manfred Hayböck ist das mehr als eine Zahl. Es ist eine Zeitspanne, in der aus einem klassischen österreichischen Großhandelsbetrieb ein Unternehmen geworden ist, das heute in einer völlig anderen Marktlogik arbeitet als noch Ende der 1980er-Jahre. Als Hayböck 1988 als EDV-Projektleiter bei der damaligen Pfeiffer Großhandels GmbH startete, war vieles noch überschaubarer, langsamer, analoger. Heute ist Transgourmet Österreich Teil der europaweit agierenden Coop-Gruppe, digital tief verankert und in einem Markt unterwegs, der von Tempo, Komplexität und permanentem Veränderungsdruck geprägt ist.

Mit Thomas Panholzer beginnt gleichzeitig ein neues Kapitel, das weniger vom Rückblick lebt als von der Frage, wie sich dieses Unternehmen in einem weiter beschleunigten Markt behaupten wird. Seine Rolle ist dabei klar umrissen: nicht Verwalter eines Erfolgsmodells zu sein, sondern dessen nächste Entwicklungsstufe zu gestalten. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass sich sein Zugang von jenem seines Vorgängers unterscheidet – nicht im Anspruch, aber in der Perspektive. Wo Hayböck aus Erfahrung argumentiert, argumentiert Panholzer aus der Notwendigkeit.

Beim Hintergrundgespräch anlässlich seiner bevorstehenden Pensionierung ging es deshalb nicht nur um Rückblick, sondern auch um Einordnung. Und dabei wurde rasch klar: Diese Karriere erzählt nicht bloß die Geschichte eines Managers, sondern auch die Geschichte eines Marktes, der sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verschoben hat.

Die Zahlen zeigen diese Wucht sehr deutlich. Aus sechs Standorten wurden 18, die Zahl der Mitarbeitenden stieg von 576 auf rund 2.200, der Umsatz von 216 Millionen auf rund 910 Millionen Euro. Es sind Zahlen, die Wachstum beschreiben. Aber sie erzählen noch nicht, was dieser Weg tatsächlich bedeutet hat: Entscheidungen unter Unsicherheit, struktureller Umbau, neue Anforderungen, neue Geschwindigkeiten

Hayböck formulierte den Einfluss der Anbindung an die Schweizer Coop-Gruppe klar: „Wir profitieren immens von der Anbindung – unsere rasche Expansion und auch das breite Sortiment wären als Pfeiffer nicht möglich gewesen.“ Gleichzeitig war ihm und dem neuen Geschäftsführer Thomas Panholzer wichtig, einen anderen Punkt nicht untergehen zu lassen: „Wir konnten zwischenzeitig alle überzeugen, dass wir nach wie vor so österreichisch sind wie zuvor.“ Zwischen internationaler Einbettung und regionaler Verankerung liegt genau jene Spannung, die viele Unternehmen kennen – und nur wenige über so lange Zeit so konsequent aushalten.

Die Weichenstellung

Eine der prägendsten Entscheidungen fiel 2002: die Konzentration auf Gastronomie und Hotellerie. Damals war das alles andere als ein Selbstläufer. Immerhin wurden zu diesem Zeitpunkt noch rund 40 Prozent des Umsatzes mit dem Einzelhandel gemacht. Hayböck nannte diesen Schritt rückblickend „eine der mutigsten, aber zugleich vorausschauendsten Entscheidungen“. Panholzer sagte dazu: „Sie hat sich als goldrichtig erwiesen.“

Gerade in solchen Sätzen spürt man, dass hier nicht über kosmetische Strategieanpassungen gesprochen wird, sondern über echte Weichenstellungen. Entscheidungen, die das Unternehmen verändert haben – und zwar dauerhaft. Der Gastronomieanteil stieg von rund 55 auf etwa 85 Prozent, die Kundenbasis von rund 15.000 auf über 86.000.

Besonders greifbar wird dieser Wandel in der Logistik. Während 2001 erst rund 22 Prozent der Umsätze über Zustellung abgewickelt wurden, liegt dieser Anteil heute bei rund 72 Prozent. Die Zahl der eigenen LKW stieg von rund 40 auf über 300. Hinter diesen Zahlen steckt eine klare Botschaft: Das klassische C+C-Geschäft allein trägt diesen Markt nicht mehr. Die Gastronomie braucht heute Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Geschwindigkeit – nicht irgendwann, sondern jetzt.

Auch beim Bestellen selbst ist kaum noch etwas wie früher. Rund 80 Prozent der Bestellungen laufen heute digital über Webshop oder EDI. „Der Webshop hat heute die gleiche Relevanz wie ein physischer Standort.“ Im Gespräch fiel dazu auch jener Satz, der hängen bleibt: „Der Webshop ist unser 19. Standort.“ Er ist deshalb so relevant, weil er den Wandel nicht technisch, sondern beinahe emotional verständlich macht. Der Markt ist nicht verschwunden, aber er hat sich erweitert. Er ist heute auch digitaler Raum, täglicher Zugangspunkt, permanente Verbindung zum Kunden.

Überall wo Papier liegt, läuft was falsch […]

– Michael Hayböck über die Digitalisierung im Unternehmen

Der Druck im Markt

Hayböck beschrieb diese technologische Entwicklung mit einem Bild, das fast alles sagt: „Von der Lochkarte zum humanoiden Roboter.“ Dazwischen liegen nicht nur technische Innovationen, sondern Jahrzehnte an Anpassung, Neulernen und Umbau. „Was früher Unterstützung war, ist heute geschäftskritisch – ohne IT funktioniert kein Großhandel mehr.“ Auch das ist ein Satz, der hängen bleibt, weil er die Härte des Wandels nicht versteckt. Digitalisierung ist hier keine hübsche Zukunftsfolie, sondern betriebliche Realität.

Und diese Realität ist fordernd geworden. Im Gespräch wurden die Belastungen sehr offen benannt: Wettbewerbsdruck, steigende Energie- und Personalkosten, regulatorische Anforderungen. Hayböck fand dafür eine deutliche Formulierung: „Die heimische Bürokratie entwickelt sich auch im Vergleich zur internationalen zunehmend zum Wettbewerbsnachteil – für Handel und Gastronomie.“

Viele unserer Marktbegleiter werden diesem Druck nicht standhalten können.

Thomas Panholzer über Konkurrenzdruck

Hinzu kommt ein Markt, der nervöser geworden ist. Konsumzurückhaltung, steigende Preise, stagnierende oder rückläufige Absatzmengen – vieles ist kurzfristiger, vieles schwerer planbar. Hayböck sagt dazu: „Die Nachfrage ist heute so volatil, dass wir in Echtzeit steuern müssen.“ Genau darin liegt eine der großen Veränderungen dieser Branche: Früher ging es stärker um Versorgung, heute geht es zusätzlich um Reaktionsfähigkeit.

Auch die Konsumtrends sind in Bewegung. Vegetarische und vegane Angebote stagnieren zuletzt, Fleisch erlebt wieder stärkere Nachfrage, alkoholische Getränke verlieren an Bedeutung. Solche Verschiebungen mögen auf den ersten Blick wie reine Marktbeobachtungen wirken. In Wahrheit sind sie Ausdruck einer Branche, die sich laufend neu sortieren muss. „Trends kommen schneller und bleiben kürzer – wer zu langsam ist, ist nicht mehr relevant.“ Panholzer formulierte die Konsequenz daraus ohne Umschweife: „Heute sind drei Wochen Listungszeit schlicht zu langsam.“

Mehr als nur Ware

Mit all dem verändert sich auch das Selbstverständnis des Großhandels. Panholzer brachte es präzise auf den Punkt: „Wir liefern nicht mehr nur Ware – wir liefern Lösungen für eine ganze Branche.“ Dieser Satz trägt viel von dem in sich, was moderne Großhandelsbeziehungen heute ausmacht: mehr Verantwortung, mehr Mitdenken, mehr Nähe zum Betrieb. Dass in diesem Zusammenhang „98 Prozent Lieferfähigkeit bei Originalartikel“ als Standard genannt werden, unterstreicht den Anspruch, den das Unternehmen an sich selbst formuliert.

Und doch blieb bei aller Technologie ein Satz besonders stark im Raum: „Die Menschen machen den Unterschied.“ Vielleicht ist das die eigentliche Klammer dieses gesamten Gesprächs. Denn je digitaler, schneller und anspruchsvoller der Markt wird, desto wichtiger wird die Frage, wer ihn trägt. Panholzer betonte daher auch: „Entscheidend wird sein, die Mitarbeitenden bestmöglich auszubilden, um die geforderte Dienstleistung auf den Punkt zu bringen.“ In einer Zeit, in der über KI, Systeme und Effizienz gesprochen wird, wirkt dieser Gedanke fast wie ein Gegengewicht – und gerade deshalb so glaubwürdig.

Der Faktor Mensch macht den Unterschied!

Michael Hayböck über die Künstliche Intellegenz

Beim Blick nach vorne blieb der Ton trotz aller Belastungen bemerkenswert stabil. Panholzer sieht Chancen für den Tourismusstandort Österreich und damit auch für Gastronomie und Hotellerie: „Trotz oder gerade ob der massiven Unsicherheiten durch Krisen und geopolitische Entwicklungen kann der Tourismusstandort Österreich profitieren – und damit auch die heimische Gastronomie und Hotellerie.”


Am Ende bleibt daher mehr als die Bilanz einer langen Karriere. Es bleibt das Bild einer Branche, die sich verändern musste, um relevant zu bleiben. Und eines Unternehmens, das diesen Wandel nicht nur mitgemacht, sondern mitgestaltet hat.

Veränderung ist eine Konstante – was es wird, wissen wir jedoch nie!
Entscheidend ist alleine die Geschwindigkeit wie man darauf reagiert.

Hayböck über seine Lektion nach 40 Jahren bei Transgourmet

Panholzer fasst den langfristigen Ausblick in einem Satz zusammen, der über diesen Nachmittag hinausweist: „Die Gastronomie verschwindet nicht – sie erfindet sich neu.“ Und vielleicht steckt genau darin die eigentliche Emotion dieses Gesprächs: Nicht Wehmut über das, was war, sondern Respekt vor dem, was es gebraucht hat, um hierherzukommen.

So entsteht im Übergang von Hayböck zu Panholzer kein Bruch, sondern eine Verschiebung im Fokus. Das Fundament ist gelegt, die Richtung klar. Aber die Art, wie dieses Unternehmen auf die nächsten Jahre reagiert, wird eine andere sein müssen. Weniger geprägt von Aufbau, stärker von Anpassung. Panholzer übernimmt ein System, das funktioniert – und führt es in eine Phase, in der genau das täglich neu bewiesen werden muss.