Da steht sie. Unbeeindruckt von den Massen, die vorne an ihr vorbeiziehen und unbekümmert ob des Verkehrs, der an ihrem Rücken vorbeirauscht. Seit 1916 ist das Gasthaus „Zur eisernen Zeit“ fixer Bestandteil des Naschmarkts. Was hat sie alles gesehen und erlebt, welche Geschichten könnte sie erzählen?
1916 entstand zwischen Schleifmühl- und Rüdigergasse der zweite Teil des neuen Naschmarkts. Obst-, Gemüse-, und Blumenhändler sollten dort ihr neues Zuhause finden. Die Arbeiter, Standler, Träger und deren Tross wollten versorgt werden. Günstige warme Gerichte und billiges Bier mussten bereit sein. Die „Eiserne“ sollte sie alle versorgen und ihnen eine die kurze Auszeit vom harten Tagwerk ermöglichen. Just an jenem Ort, wo, in noch früherer Zeit, Gold zu Eisen getauscht wurde, um die Kassen des Kaisers zu füllen. Seit mehr als einem Jahrhundert steht sie nun also da. Durch turbulente Zeiten und mit wildem Publikum hat sie sich im Verlauf der letzten 109 Jahre zur respektablen Dame des Wiener Naschmarkts gewandelt.

Eiserne Zeiten
Eisern waren die Zeiten wohl tatsächlich. Der Erste Weltkrieg tobte in ganz Europa und die wirtschaftliche Not hielt die Wiener und Wienerinnen bereits fest. So erzählt uns die Zeitung Der Abend vom 13. Juni 1917, dass die Versorgung mit Rindfleisch äußerst prekär ist, und auch vom Schaf- und Lammfleisch keine Mengen zu erwarten sind. Die „Minderbemittelten“, wie sie Der Abend so uncharmant nannte, mussten mit noch weniger rechnen. Inmitten der Entbehrungen und der sich verschlechternden Nachrichten über den Krieg wurde die „Eiserne“ zum Anlaufpunkt für jene, die am Naschmarkt ihrem Tagwerk nachgingen: Marktstandler, Lieferanten, Träger, einfache Leute auf der Suche nach einer Stärkung nach dem arbeitsreichen Tag. Nur ein billiges Achterl, ein Bier oder ein Gulasch. Die „Eiserne“ war ein Arbeitergasthaus, ohne Prätention, für den Markt da. Dem Leid der anderen gegenüber, waren die Gäste und der Wirt aber nicht verschlossen. So lässt sich aus der gleichen Ausgabe von Der Abend entnehmen, dass Johann Gimcic, der Betreiber der „Eisernen“, eine Blindensammlung unterstützte. Mit 80 Kronen und 60 Hellern war sein Beitrag durchaus umfangreich. Entsprach die Summe doch dem Gegenwert von knapp 10 Kilo Rindfleisch.
Fragwürdige Sitten
Trotz der Freigiebigkeit seines Wirts, war nicht alles beim Besten. Die Lebensmittelknappheit und die Not im Krieg und den Jahren danach führten zu heute erheiternden zur Zeit jedoch skandalösen Begebenheiten. Noch 1929 berichtete der „Kuckuck“, Wiens erste Illustrierte, dass es während des Krieges öfter mal den einen oder anderen „Hufnagel im Faschierten“ gab. Alte Pferde im Faschierten waren wohl in der Not der Zeit keine Seltenheit. Ob die Nägel hingegen der symbolischen Zuspitzung des Kuckuck geschuldet oder knallharte Fakten waren, bleibt dahingestellt. Die raue Realität des Mangels und der Not spiegelt die Anekdote trotzdem treffend wider. Ganz genau dürfte man es aber auch später nicht genommen haben. Auf der Suche nach dem „Spuk von damals“, den Frauen, die während des Krieges um die letzten Kartoffeln kämpften, findet ein anonymer Berichterstatter im Sommer 1928 die „Eiserne“ als letzte Zeugin der Not von damals. Und er fürchtete, „daß das Gulasch dort heute noch einen heroischen Beigeschmack hat.“
Nach kurzen Aufatmen in der Zwischenkriegszeit kamen neue Krisen. Die Nazis hatten Stadt und Land übernommen und den ganzen Kontinent in sinnlose Gewalt gehetzt. Die Betreiber der Eisernen Zeit waren bemüht, die Gaststätte am Laufen zu halten. Eine Annonce aus dem Jahr 1943 zeugt davon, wie knapp die Gelder waren. „Essgabeln zu verkaufen, 25 Pfg. das Stück“ ist da zu lesen. Jeder Pfennig, genaugenommen jeder Reichspfennig, man war ja jetzt Großdeutschland, musste umgedreht werden, um das Gasthaus am Leben zu halten.
Krise der Beisl-Kultur
Doch auch danach stand die „Eiserne Zeit“ weiter am Naschmarkt. Die nächste Krise, ließ nicht lange auf sich warten, doch diesmal war es Glück und Standort, die der „Eisernen“ zum Überleben half. In den 1960ern und 70er sahen sich die traditionellen Wiener Beisln ganz anderen Herausforderungen gegenüber. Nicht Mangel und Krieg waren schuld am Ausbleiben der Kundschaft, sondern Fernseher und Wirtschaftsaufschwung. Das Glimmen des Fernsehers wurde vielen näher als der Ölofen im Beisl und neue Lokale kroatischer, italienischer oder chinesischer Küche machten den Wirtshäusern starke Konkurrenz. Die klassische Arbeiterschaft brach durch den Aufschwung immer mehr weg oder wurde durch angeworbene „Gastarbeiter“ ersetzt. Hier sollte sich der Ort als Glück erweisen. Am Naschmarkt brauchte es immer hart arbeitende Menschen. Lieferanten und Standler sorgten weiterhin für eine Nachfrage nach warmen Essen zu günstigen Preisen, nach frischen Bier oder nach einem schnellen Achterl.
Respektabel wurde die Eiserne Zeit aber nicht. Legendäre Geschichten erzählte vor allem der Wortakrobat und Sprachkünstler Werner Herbst. In der Sondernummer 11 der Literaturzeitschrift Freibord gibt er uns einen kleinen Einblick ins Treiben in und um die titelgebende „Zur eisernen Zeit. In seiner ganz eigenen Sprache berichtet er vom Leben und Sterben der sonderbaren Gestalten, die den Naschmarkt und die „Eiserne“ vor allem in den Nächten der 70er Jahre bevölkerten: Von „Frau Magda, der Hure vom Naschmarkt“ die würdevoll den Markt abschreitet und auch mal als Hebamme einspringt und von Selbstmördern in der Straßenbahn weiß er zu erzählen. Praktisch auch, dass er gleich die Tipps mitgibt, wie man sich im Gasthaus einen Partner findet: „das ausspucken im gasthaus“ sei zu unterlassen! Ob er diese gemeinsam mit seinen frivolen Gedichten wohl in der „Eisernen“ aufschrieb?
Frischer Wind durch alte Fenster
Noch in den 90ern war das Lokal bekannt als ein Ort mit Duftmarke kalter Rauch und Gulasch, war, wie es Zeitgenossen ausdrückten. Wie die gesamte Stadt wandelte sich auch der Naschmarkt im Laufe der 1990er und der 2000er. Die Süddeutsche warnte 2010 gar vor der „Verpraterung des Naschmarkts“, hob jedoch hervor, wie sich die „Eiserne“ mithilfe der langjährigen Köchin Liljana Wampula mit böhmischen Bier und urwiener Küche gegen den Sog der Zeit stemmte. 2011 versuchten neue Eigentümer ihr Glück mit der Eisernen, aber erst mit der Übernahme 2013 durch Florian Czeipek als Geschäftsführer fand die „Eiserne“ zu ihrer heutigen Form.
2016 wurde die letzte Zigarette ausgedämpft und frischer Wind durch die – manchmal noch herausfallenden Fenster – hereingelassen. Durch das Bemühen der neuen Pächter gelang es, eine Sanierung des seit langem baufälligen Hauses zu veranlassen. 2019 war es dann so weit. Die Stadt Wien führte als Eigentümerin die nötigen Reparaturarbeiten für 90.000 Euro durch. Neue Fenster, neue Holzverkleidung und ein neu gestrichenes Blechdach ließen sie alsbald in neuer alter Schönheit erstrahlen. Es passte nur zu gut in die lange und vielfältige Geschichte der „Eisernen“, dass ihre Erneuerung im Frühling 2020 abgeschlossen war. Nur zehn Tage vor dem ersten Corona-Lockdowns berichtete die Bezirkszeitung erfreut über die Sanierung. Wie sollte es auch anders sein, auch diese Krise ging vorbei und sie steht immer noch. Nun als reife Dame des Naschmarkts.
Gereifte Dame des Naschmarkts
Die Zeiten, in denen „feine weine nebst dem scheißhaus“ ausgeschenkt wurden, wie es Gerhard Jaschke undiplomatisch im Vorwort zu Werner Herbst Gedichtband ausdrückte, sind definitiv vorbei. So steht sie nun da, die „Eiserne”, als alte Dame des Naschmarkts. Zurückblickend auf ihre wilden Zeiten ist sie nun zu jenem Refugium geworden, das sonst nur Omas bieten können. Ein warmer Ort mit bester Hausmannskost, Gemütlichkeit und unendlich vielen Geschichten von damals.
Zum Weiterlesen und eintauchen empfiehlt sich:
Werner Herbst, „zur eisernen zeit. geschichten und gedichte vom Naschmarkt“, freibord Sondernummer 11, Wien 1980. Leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Wolfgang Kos u.a., „Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit.“ Katalog zur Ausstellung im Wien Museum am Karlsplatz 2007, Wien 2007.












