Am Wechsel kann man nicht nur Schwammerln brocken, sondern auch gut essen. Genuss-Autor Marko Locatin war vor Ort.
Zur Zeiten der Belle Epoque gehörte die gepflegte Sommerfrische zum guten Ton in intellektuellen Kreisen. Die Region rund um Semmering, Rax und Wechsel war ihr Zentrum. Geplagte Denker suchten Esprit & Erholung in der klaren Bergluft – und in den zahlreichen Gaststuben der Region. Viele sind verschwunden, andere verblasst, einige zum Glück quicklebendig. So wie der Grüne Baum in Kirchberg, geführt von der gastronomisch geeichten Familie Donhauser. In der Küche steht Christian Donhauser, mittlerweile Chef des Hauses. Im Service sorgt seine Frau für die Gäste, hinter der Schank ist Vater Karl – passionierter Jäger und profunder Weinkenner.
„Ein Kalbsgulasch muss nicht neu erfunden, sondern nur gut gekocht werden. Dann schmeckt’s!“
Christian Donhauser
Wobei das Zitat eigentlich für viele Speisen gilt. Als ersten Gang wählen wir Rindsuppe, einmal mit Fleischstrudel, einmal mit Frittaten. „Mein Fleischhauer hat auch immer genug Knochen übrig“, sagt Christian, der die meisten Produkte aus der Region bezieht. Fleischstrudel und Frittaten: selbstverständlich hausgemacht. Die Suppe übrigens kommt ohne „Augen“ – selbst der notorische Nörgler Thomas Bernhard hätte wohl seine Freude daran gehabt (5,90€).

Freude bereitet auch die Vorspeisenplatte mit verschiedenen Aufstrichen sowie zweierlei kaltem Wild – Schinken und Salami – aus eigener Produktion. Auch fein: das lauwarme Sülzchen mit hartgekochtem Ei. Apropos Wild: Das Fleisch aus den eigenen Revieren wird hier nahezu ganzjährig verarbeitet. Also bestellen wir Rehschnitzel mit Petersilerdäpfeln plus Preiselbeeren (23€). Pilze gibt es zwar erst Ende August, aber: „Eierschwammerln könnt ihr aber haben“. Danke – und zwar zum Steak (Bio aus dem nahen Zöbern) mit Erdäpfelgratin (35 €). Medium-rare, darüber eine schulmäßig dichte Demi-glace. Dazu: ein klassischer Blaufränker von Gesellmann.

Fazit
In Kirchberg Am Wechsel serviert die Familie Donhauser eine handwerklich überzeugende Küche, die Bodenständigkeit mit Anspruch kann. Besonders empfehlenswert sind die Wildgerichte sowie die saisonalen Spezialitäten. Aber auch Suppen und Vorspeisen überzeugen. Gleiches gilt für die hausgemachten Mehlspeisen – von Mutter Donauser fertigt.
Last but not least: Der Gesellmann Mittelburgenland DAC Reserve Blaufränkisch Creitzer Bio 2019 (Falstaff: 96 Punkte) steht mit trinkanimierenden 35 Euro auf der Weinkarte. Es ist einer der teuersten Weine auf der Karte.
Tipp: Im Sommer empfiehlt sich ein Besuch des fußläufig erreichbaren Freibads. Wer übernachten möchte, findet im Benediktinerkloster eine Unterkunft – oder reserviert rechtzeitig direkt bei den Donhausers im Gasthof.
Wirtshaus Grüner Baum
Markt 55, 2880 Kirchberg am Wechsel
Mittwoch bis Samstag
11.00 – 14.00 und 17.30 – 20.00
Sonntag von
11.00 bis 14.00 ( Küchenannahmeschluss )
www.wirtshaus-gruenerbaum.at
Marko Locatin arbeitete u.a. zehn Jahre als Chef vom Dienst von FORMAT. Einige Jahre schrieb er dort auch die Branchenseite Werbung & PR, sowie die letzte Seite des Wirtschaftsmagazins – sie drehte sich um Außenpolitik. Seither arbeitet der passionierte Schachspieler und begeisterte Cineast u.a. als Chef-Redakteur von Gastro News Wien, sowie selbstständiger Autor für: Falstaff-Verlag, das CP-Magazin vom SPAR Griaß Di, den Manstein-Verlag und die Plattform KalkundKegel. Weitere Artikel und Kritiken von Marko Locatin finden Sie auf: www.markolocatin.com












