Holzers Oktober Resümee

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Was sich im Oktober in der Lokalszene so alles tat, und was uns das sagen könnte.

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Wenn man Ende Oktober auf den Beginn dieses Monats zurückblickt, drängt sich das Gefühl auf, es hätte nicht nur 31 Tage gezählt, sondern mindestens 50. So viel ist passiert, so viel hat sich getan.

Rosig ist anders

Anfang Oktober ist aber auch der Zeitpunkt, an dem die Vergleichszahlen für die ersten drei Quartale des Jahres vorliegen, und die sahen – wie man sich eh schon dachte – heuer echt nicht rosig aus: eine 8%ige Steigerung bei den Gastro-Insolvenzen gegenüber dem Vorjahr, nach Bau und Handel rangiert die Gastronomie aktuell auf Platz drei beim Branchenvergleich. 395 Fälle sind gelistet – davon 222 in Wien, 90 in der Steiermark und 80 in Niederösterreich –, noch schlimmer aber ist die Zahl jener Fälle, die wegen mangelnder Vermögenssubstanz gar nicht erst eröffnet werden können – es waren in den ersten neun Monaten 245.

Demgegenüber herrscht zumindest in Wien nachgerade gastronomische Goldgräberstimmung, Dinge werden möglich, von denen man nie zu träumen gewagt hätte, auch ein paar erfreuliche Wiederkehren waren festzustellen. Überhaupt war der Oktober ein Monat der Comebacks, des Wiedersehens und der Neustarts.

Alte Liebe im Funkhaus

Aber zuerst zum verblüffendsten Projekt des Oktobers, das Zur Alten Liebe, eine Art Edel-Pop up im Foyer des historischen Funkhauses in der Wiener Argentinierstraße. Zur Erinnerung: Der ORF verließ 2023 das imposante Gebäude aus den 1930ern, das Funkhaus war schon 2016 an die Vorarlberger Rhomberg-Gruppe verkauft worden, die hier Wohnungen errichtet, die denkmalgeschützten Bereiche werden an Firmen vermietet. Und zu diesen Bereichen zählt auch das Kathedralen-artige Foyer, gestaltet von der Architektin Martha Bolldorf-Reitstätter (und nicht Clemens Holzmeister, wie fast überall behauptet). Nachdem man an einer Gastronomie im Funkhaus stets interessiert war, die heitere, vor einem Jahr im ehemaligen Tonband-Archiv eröffnete Weinbar AUX aber den Winter nicht überlebte, trat die Funkhaus-Geschäftsführung an die Gruppe rund um Xavier Mancilla heran. Die zuletzt mit dem Bistro Fantasy in der Gumpendorferstraße ja sehr erfolgreich ware und ist. Die arbeiteten ein äußerst unkompliziertes Konzept aus, das vor allem auf der atmosphärischen Wucht des Raums in Kombination mit witzigen Gerichten aus der Feder des Fantasy-Küchenchefs Elias Tichy wirkt, wie der Name des Projekts schon sagt und wie es auch zur Location passt, gerne mit ein bisschen Retro-Touch.

Ein paar Standeln weiter

Für großes Aufsehen sorgte auch die neue Küchenbesetzung des Heu & Gabel am Meidlinger Markt. Und zwar nicht, weil das Lokal so groß oder einzigartig wäre, sondern eher, weil die Betreiber Katharina Schinner-Krendl und Mario Krendl professionelle Netzwerker sind. Schon die vorige Küchenchefin des sympathischen, kleinen Marktlokals mit Nachhaltigkeits-Aspekt war in unser aller Algorithmen omnipräsent, nachdem sich Clara Aue nun aber um ein eigenes Projekt beim Kunsthaus kümmert, brauchte es gebührende Nachfolge. Und die fanden die Schinner-Krendls in Heidi Neuländtner-Ratzinger, einer grandiosen Köchin aus der Schule von Christian Petz, die mit ihm unter anderem am Badeschiff gekocht hatte, kurz die Küche im Knappenhof leitete und schon von 2019 bis 2024 am Meidlinger Markt mit der Wirtschaft am Markt große Erfolge feierte. Nach einer kurzen Zeit bei den Geschwistern Rauch in Trautmannsdorf kehrte sie nun also wieder auf den Markt zurück, wenn auch ein paar Standeln weiter, sehr gut.

Cipriano ist wieder da

Das nächste Comeback lieferte Andrea Cipriano, der sich Anfang des Jahres ja aus der Wiener Gastronomie zurückgezogen und seine Cucina Cipriano an den Pizzeria-Spezialisten Gaetano Brancate übergeben hatte, der daraus das Partenope machte. Ciprianos Pläne vom kleinen Hotel in Grado gingen aber nicht so ganz auf, außerdem vermisste er eigenen Aussagen zufolge das Kochen so sehr, Brancate und sein Küchenchef Mario Farina waren mit dem Partenope auch nicht so happy. Also kam Cipriano einfach zurück, nannte sein Lokal nun Rita_Trattoria, verzichtet komplett auf das Hauptthema seines vorigen Restaurants, nämlich Fisch und Meeresfrüchte, legt stattdessen modern interpretierte Trattoria-Küche in Kleinportionen vor. Was dem aktuellen Nutzungsverhalten als auch den finanziellen Möglichkeiten eines größeren Publikums wohl durchaus entspricht.

Brancate und Farina wiederum verfolgten eine ähnliche Strategie, setzen diese aber ganz anders um: Sie übernahmen ein altes Gasthaus in Penzing, beließen ihm den Vorstadtwirtshaus-Charme und schießen in ihrem Nuje eine kreative, nicht immer ganz ernst gemeinte italo-wiener Fusionsküche raus. Also etwa Ceviche vom Seesaibling mit Tropea-Zwiebeln, Tafelspitz-Tatar mit Meeresspinat oder Ravioli mit Gulaschfüllung.

Pop-ups, Buchteln und Käse

Ob auch ein Pop up ein Comeback haben kann, oder ob die ständige Wiederkehr ohnehin wesentlicher Bestandteil eines Pop ups ist, darüber kann man streiten. Wie auch immer, das Sekki von Jake Bergholtz und Lukas Shong, das den Sommer über im schwülstigen Ambiente des The Leo Grand stattfand, zog nun in die coole Hausbar am Karlsplatz ein. Die freche Fusionsküche der beiden passt hier zweifellos besser her, andererseits war gerade der stilistische Kontrast zwischen Köchen und Location im ersten Sekki schon auch Teil des Erfolgs. Mal sehen, wie es weitergeht.

Auch beim Lokal namens Grumpy Buchtl geht es in gewisser Weise um eine Wiederkehr. Wenn auch leider nicht um eine Neuauflage des lange Zeit besten und urigsten böhmischen Lokals in Wien, dem unvergleichlichen Zu den 3 Buchteln, so zumindest um eine Neubespielung der Location. Und na ja, wahrscheinlich sind Basque Cheesecake, Scones mit Clotted Cream und dazu Matcha- oder Ube-Latte halt eher das, was das hippe Margareten heutzutage will. Eher als Haluschka, Svickova, Kuttelsuppe und Schwarzbrot mit Markscheiben. Schade.

Weil man Milchgetränke und Filterkaffe ja eh auch im ebenfalls neuen, ebenfalls in Margareten befindlichen Pelargonia bekommen würde. Wobei, stimmt nicht ganz, denn diese Specialty-Kaffeebar unterscheidet sich endlich einmal vom überaus heterogenen Mainstream auf diesem Sektor, und zwar, indem es statt der üblichen anglo-amerikanischen Süßspeisen Käse-Spezialitäten gibt. Say Cheese!

Hedy Lamarrs später Auftritt

Und ein Comeback der ganz anderen Art schließlich im Metro Kino, denn hier hat die legendäre Hedy Lamarr nun doch ihren späten Auftritt: Das Filmarchiv Austria kaufte den Nachlass der vor 26 Jahren verstorbenen Hollywood-Ikone mit Wiener Herkunft aus der Signa-Konkursmasse. René Benko hatte ja vor, sein Prunk-Kaufhaus an der Mariahilfer Straße nicht nur nach Lamarr zu nennen, sondern es auch mit Stücken aus dem Nachlass zu dekorieren – wir wissen, wie das ausging. Nun gestaltete Gregor Eichinger – seit den 1980ern einer der produktivsten Architekten in Wiens Szene-Gastronomie – eine klassisch-elegante Lounge-Bar, die das kulinarisch bisher schon recht gut aufgestellte Kino ergänzt.

Das Engländer und der Protest

Was gab es sonst noch? Viele weitere Specialty Coffee-Bars, viele weitere Asia-Lokale mit dieser oder jener speziellen Ausrichtung. Und dann noch die erstmalige Begehung des Café Engländer durch Mario Plachutta, einen der beiden neuen Besitzer. Bei der es zu lauthals vorgebrachten Vorwürfen und Drohungen gegenüber dem Personal gekommen sein soll, die Darstellungen der jeweiligen Seiten unterscheiden sich da naturgemäß. Das Engländer-Team legte jedenfalls geschlossen die Arbeit nieder, was wirklich nicht oft vorkommt, Stammgäste des Cafés protestierten vor dem geschlossenen Kaffeehaus, indem sie auf mitgebrachten Sesseln Platz nahmen. Auch noch nicht oft vorgekommen. Es wird an der Situation definitiv nichts ändern, aber dass Frustration irgendwohin muss, das ist auch klar.

Aufsperren? Nur mit Konzept

43% der gastronomischen Insolvenzen im Jahr 2026 betraf übrigens Lokale, die zwischen 2020 und 2025 gegründet wurden. Ist das ein Argument gegen’s Aufsperren? Nein, eher eines dafür, es sich sehr gut zu überlegen und ein sehr gutes Konzept zu haben. Was auf das Café Engländer sicher zutraf, es ihm aber auch nicht half …


Über Florian Holzer

Florian Holzer

Florian Holzer zählt zu Österreichs bekanntesten Gastronomiekritikern. Seit 1988 berichtet er über die heimische Restaurantszene und war unter anderem für Falter, Standard, Kurier, Trend und À la Carte tätig. Er arbeitete als stellvertretender Chefredakteur bei Gault Millau und leitete über viele Jahre den Restaurantführer „Wien, wie es isst“.

Für Gastro.News kommentiert er in seinem gastronomischen Resümee regelmäßig die Entwicklungen der Lokalszene – von Neueröffnungen über Comebacks bis zu Schließungen und gastronomischen Trends.

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