Holzers gastronomisches Resümee | April 2026

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Ein April wie im Zeitraffer

Wie viele Tage hatte dieser April? 55? 62? Es ist jedenfalls wieder einmal eine ganze Menge passiert oder um es anders zu sagen: Es gibt zumindest reichlich Gesprächsstoff, wenn man mit Freunden an einem Tisch zusammensetzen will. Und nicht nur das, auch an neuen Gelegenheiten für dieses Zusammensetzen fehlt es nicht, im Gegenteil, sprossen die neuen Projekte vorigen Monat noch wie der Bärlauch in der Frühlingssonne, so schoben sie sich im April aus dem Boden wie der Spargel im Marchfeld – unaufhaltsam.

Bei einigen von ihnen sind auch durchaus Gemeinsamkeiten feststellbar, nämlich die sensible, um nicht zu sagen liebevolle Pflege alter Substanz und deren Kombination mit zeitgenössischen Akzenten. Wie schon im bemerkenswerten Bistronomy-Konzept brösl, dem erstaunlichen Gasthaus Rosi oder dem unvergleichlichen Reznicek wurde etwa auch im Pomali das vorgefundene Gasthaus-Interieur mit frischen Farben und modernen Akzenten kontrastiert. Dieser Design-Input in Kombination mit einer jungen, unkomplizierten, Gemüse-fokussierten Küche sorgte vom ersten Tag an für Vollbesetzung im Lokal der beiden jungen Betreiberinnen Karoline Schuster und Mathilde Mazaud. Was wohl nicht nur damit zu tun hat, dass man mit „Vintage“ und „Retro“ vor allem beim jüngeren Publikum Punkte machen kann, sondern auch damit, dass solch frische Gastronomie längst keine sündteuren, innerstädtischen Hochfrequenzlagen mehr erfordert. Im Gegenteil, das Grätzel rund um den Meiselmarkt im lange geschmähten 15. Bezirk wird von jungen, gebildeten und ebenso konsumfreudigen wie-kritischen Menschen bewohnt, früher gerne als „Bobos“ bezeichnet. Die jüngeren Zugänge zur dortigen Lokalszene sprechen eine deutliche Sprache: Café Caché, Nido Bistro, das jüngst neu übernommene Gasthaus Haidinger und das Sterne-Restaurant Herzig ist auch nicht weit weg …

Starke Location, simples Konzept: Arici

Thematisch durchaus verwand ist damit das Arici, das Szenelokal-Routinier Simon Steiner und die Quereinsteigerin Mila Arici Mitte April im ehemaligen „Das Kleine Paradies“ eröffneten. Wir erinnern uns: Ende 2019 startete eine Gruppe rund um das Weinhändler-Ehepaar Unger und Klein ein Restaurant in einem ehemaligen Schreibmaschinengeschäft aus dem Jahr 1927. Das atemberaubende Belle Epoque-Interieur wurde aufwändig renoviert, mit einer modernen Bar und großzügigen Küche ergänzt, in der der Ana Roš-Schüler Tomaž Fink modern-mediterrane Köstlichkeiten zubereitete. Die Corona-Lockdowns ließen dem Projekt keine Chance, ein Nachfolgeprojekt namens Creo scheiterte am eigenwilligen Konzept. Alici und Steier entschieden sich nun für eine smarte, pragmatische Strategie: Wenn schon die Location so stark ist, dann eine möglichst unkomplizierte, allseits beliebte Küche – also italienisches Comfort-Food, instagrammable präsentiert und mit Trendgerichten wie Pasta Croccante alias „Tiktok-Pasta“ ergänzt.

Zehn Jahre Anlauf: Der Donauhof

Und schließlich das größte der Vintage-Location-Projekte dieses Monats: Der Donauhof machte Ende des Monats endlich auf! Zehn Jahre wurde an dem Projekt gearbeitet, ein altes Casino und Hotel aus dem Jahr 1902, das zwischenzeitlich als Holzlager diente, wieder einer gastronomischen Nutzung zuzuführen. 2019 hatte hier schon das kultige Weihnachts-Pop up des Taubenkobel stattgefunden, bis zur Fertigstellung dauerte es dann aber definitiv länger als geplant. Das Team ist jung, in der Küche denkt man österreichische Tradition neu, das Ensemble ist nicht anders als spektakulär.

Tschocherl-Revival mit Twist: Patata

Weniger spektakulär, aber fast ebenso gespannt erwartet wurde das Patata der Betreiber des stimmungsvollen Szene-Imbiss Alice, Britt Kamper und Manuel Bartolacci. Anders als in ihrem italo-dänischen Gourmet-Café setzen die beiden im Patata aber auf die Tradition der Altwiener Eckbeisl-Tschocherln, freilich etwas aufgefrischt, mit gutem Getränke-Angebot (vor allem die Liste der italienischen Amaro- und Digestif-Klassiker ist beachtlich. Oder anders gesagt: Wo sonst als in einem aufgefrischten Ex-Tschocherl sollte man sich einen Retro-Drink wie Sambucca gönnen?). Das feststoffliche Programm beschränkt sich einstweilen auf Edel-Schinkenkäse-Toast, Auftritte von befreundeten Gastköchen aus dem In- und Ausland sind allerdings geplant, was in dem ehemaligen „Café Billy“ sicher interessant wird.

Koffein im Überfluss

Was gab es noch Neues? Nun ja, die Flut der „Specialty-Cafés“ nimmt schön langsam bedenkliche Züge an. Schon klar, junge Menschen lieben sauren Kaffee zu absurden Preisen und verbringen als Digital Nomads ihre Arbeitszeit eben gerne irgendwo, wenn’s nur WiFi gibt. Und ja, die Investitionen für eine Kaffee-Bar halten sich in Grenzen. Aber reicht das als Geschäftsidee? Und ist das vor allem ein Grund, jegliche gastronomisch-ökonomische Vernunft außer Acht zu lassen? Mit Kaffätscherl und Maison Naya haben quasi zeitgleich gegenüber zwei Lokale mit nahezu gleichem Programm und gleicher Zielgruppe aufgemacht, und das unmittelbar neben der großen, etablierten und vor allem mit großem Schanigarten ausgestatteten Café-Bar von Hornig, ums Eck vom den auch schon recht gut etabliertem (und ebenfalls mit hübschem Schanigarten ausgestatteten) Coffee Junkie und dem 1211 Bowls & Coffee. Warum? Die Wahrscheinlichkeit, dass das bei dieser Konkurrenz-Dichte funktionieren wird, ist minimal. Und dieses Problem gibt’s nicht nur rund um den Siebensternplatz, sondern an so ziemlich jeder urbanen Frequenzlage der Stadt.

Lichtblicke im Café-Einerlei

Es gibt aber auch neue, junge Cafés, die sich über die Beliebigkeit erheben, drei davon machten im April auf: Etwa die lange erwartete Niederlassung der bayerischen Edel-Rösterei Wildkaffee in der Pilgramgasse: Okay, optisch bleibt man sehr im üblichen Rahmen und zu essen gibt’s auch hier die unvermeidlichen Croissants, Nusskipferl und Banana-Breads. Aber immerhin ist der Kaffee wirklich gut.
Dann das Otto & Camillo, das vor allem mit seiner außergewöhnlichen Lage am Otto-Wagner-Areal punktet und sich mit liebevoll zubereiteten Tagesgerichten und selbst gebackenen Kuchen von der Croissant-Banalität distanziert. Und vielleicht auch in dieser Kategorie zu nennen ist die Café-Bar im – endlich! – wiedereröffneten Bellaria Kino, von den Profis des Café Liebling betrieben. Diese Kino-Bar dürfte eigentlich so erwartbar sein, wie sie will, denn für Kino-Cafés gelten andere Regeln. Tatsächlich gelang sie aber großartig, vermittelt rotsamten-kuschelige Geborgenheit, man geht dort auch gerne auf einen Drink oder einen Espresso hin, ohne Kinokarten zu haben.

Die andere Seite der Bilanz

Und es gab im April natürlich auch die andere Seite: Suat Takan, einer der Mit-Erfinder des modernen, sinnlich-kulinarischen Kutschkermarktes, schlitterte in die Insolvenz, betroffen sind sowohl das Fisch-Restaurant als auch das seit Jahren nie wirklich fertig gestellte Lokal am vor drei Jahren erweiterten Marktgelände, das kleine Marktlokal Oskar wurde jedenfalls schon geschlossen.
Still und leise verabschiedete sich auch das Cellini, das Nachfolgelokal des Dot’s in der Mariahilfer Straße. Ist die Zeit von Nouveau-Riche-Cuisine wie getrüffeltem Wagyu-Steak, Blue Fin-Ceviche und San Sebastian Cheesecake mit Goldflankerln zu wummernden DJ-Sounds denn leicht schon vorbei? Generell wohl leider noch nicht, das Cellini wurde aber jedenfalls schon geräumt.
Bemerkenswert auch die Insolvenz des Salzburger Gelatine-Obers-Erzeugers Qimig, nicht zuletzt, weil das 1995 gegründete Unternehmen im Gourmet-Bereich ja auch stark als Sponsor auftrat, etwa als Unterstützer des österreichischen Bocuse d’Or-Teams.
Und dann doch sehr erstaunlich, vor allem wie still und heimlich das ablief: Das Hotel Imperial schloss sein Gourmet-Restaurant Opus, 2014 in einem von Josef Hoffmann gestalteten Club-Raum etabliert und voriges Jahr noch mit neuem Küchenchef Nikolaus Platterer kreativ forciert. Hatte immerhin vier Hauben bei Gault Millau und einen Michelin-Stern. Die Auslastung sei zu gering gewesen, heißt es, Wiedereröffnung ungewiss bis unwahrscheinlich.