Das Sopherl am Naschmarkt ist zurück: Ohne Gulaschnostalgie, dafür mit kalifornisch-französischer Finesse.

Es gab eine Zeit, da war das Sopherl kein Ort, an dem man reservierte. Man tauchte auf. Hungrig, übermüdet, oft vom Feiern kommend. Drinnen roch es nach Bier und Nikotin. Die Wände dunkel, das Service direkt, die Stimmung: Wien pur. Ein Lokal für alle, die um vier Uhr früh noch ein Gulasch brauchten oder ein Gespräch mit dem Wirt.
Dann war Schluss. 2019 sperrte das Sopherl zu. Einfach so. Keine große Verabschiedung. Nur ein leerstehendes Lokal am Naschmarkt, das langsam in Vergessenheit geriet. Bis es jetzt vom Gastronomen Jing Chen und Küchenchef Mike Köberl übernommen wurde.
Jing Chen ist nicht der Typ, der Beisln aufkauft, weil er sentimentale Gefühle hat. Er betreibt in Wien sechs andere Lokale, meist asiatisch geprägt, meist stylish, meist mit einem guten Riecher fürs Jetzt. Dass er sich ausgerechnet das Sopherl schnappt, war eine Überraschung. Noch überraschender: Er macht es nicht asiatisch. Kein Ramen, kein Kimchi, kein Streetfood-Hybrid. Sondern: österreichische Küche. Aber neu gedacht.
„Ich war eigentlich nur nebenan in meinem Lokal Market, als mich ein Investor auf das Lokal angesprochen hat“, erzählt Chen im Gespräch. „Das Interesse war da, aber so richtig reingekippt bin ich erst letztes Jahr. Ich hab das Sopherl von drüben gesehen und gedacht: Eigentlich schade drum.“
Dass es keine asiatische Küche wurde, ist für ihn eine Frage der Glaubwürdigkeit: „Wegen Mike. Von ihm jetzt asiatisch zu verlangen, wär Blödsinn. Seine Einflüsse sind französisch, kalifornisch.“ Und sein persönliches Lieblingsgericht? „Alles mit gutem Fleisch.”
Mike Köberl, ein Kärntner mit internationalem Lebenslauf. Er hat jahrelang mit Wolfgang Puck gearbeitet und sogar für Oscar-Veranstaltungen gekocht.

Frühstück wird auch angeboten und ein tägliches Mittagsmenü mit veganer Option. Vegan ist fester Bestandteil des Konzepts. Dienstags gibt’s den sogenannten Chef’s Table: mehrgängige Menüs, mit Fokus auf Saisonales und Kreatives. Zehn Plätze, 158 Euro pro Person. Keine Karte, nur handverlesene Gerichte, direkt vom Küchenchef. Nah an der Küche, nah am Team.
„Als ich das Lokal zum ersten Mal betreten habe, war’s komplett leer“, erinnert sich Chen. „Es war voll im Arsch. Wir haben nichts übernommen, weder die Theke, noch den Boden, nichts, außer dem alten Sopherl-Schild und der Markise draußen.“ Stattdessen: helle Tische, viel Holz, weiße Lampen, luftiger Raum. Einige nennen es „Minimalismus“, andere „Bahnhofskantine“. Der Charme von früher ist weg. Aber das war auch nie das Ziel.
Das neue Sopherl will kein Denkmal sein. Es will kein Retrobeisl spielen. Es ist ein neuer Ort mit einem alten Namen und das ist riskant. Denn Wiener:innen vergessen nicht. Sie haben ein langes Gedächtnis und ein noch längeres Groll-Archiv. Aber genau das ist vielleicht das Spannendste an diesem Neustart: Dass er sich traut, sich nicht zu verbeugen. Dass hier jemand sagt, ja, das Sopherl war wichtig, aber jetzt ist es etwas anderes.
Öffnungszeiten:
Montag bis Sonntag
9:30 bis 23:00
Frühstück 9:30 bis 18:00
Mittagessen 11:00 bis 18:00
Abendessen 18:00 bis 21:30












