Das Griechenbeisl – 580 Jahre Gastlichkeit

Nikolaus Thoman

Das Griechenbeisl um 1900, Postkarte von Emil Czech, Sammlung Wien Museum, CC0

Was haben Karl Lueger und Phil Collins gemeinsam? Was wie der Beginn eines schlechten Witzes klingt, hat eine erstaunliche Erklärung. Sie verewigten sich beide an der Wand des Mark-Twain-Zimmers im Griechenbeisl am Fleischmarkt. Seit fast 580 Jahren wird in dem gotischen Gemäuer Gastlichkeit gelebt. Das macht das Griechenbeisl nicht nur zum ältesten Restaurationsbetrieb der Stadt, sondern auch zur Zeugin so mancher historischer Verwerfung. Osmanische Kanonenkugeln, betrunkene Musiker und bierlechzende Monarchen: das Griechenbeisl hat schon so einiges miterlebt.

Wer heute durch die schmalen Gassen und Wege zwischen Wollzeile und Schwedenplatz spaziert, wird irgendwann staunend bei der orientalisch anmutenden Fassade am Fleischmarkt 11 stehenbleiben. In goldenen Lettern und in Frakturschrift ist dort angeschrieben „1447 Griechenbeisl“. Ob tatsächlich bereits 1447 hier Gäste verköstigt wurden, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, klar ist jedoch, dass das Haus 1447 erstmals eine Erwähnung findet.

Frühe Gäste, Kanonenbeschuss und die Pest

Spätestens ab Mitte des 16. Jahrhunderts lässt sich eine Bewirtung von Gästen jedoch nachweisen. Unter den vielen Namen, die im Laufe der Zeit das Lokal zierten, war wohl „Gasthaus zum gelben Engel“ einer der frühesten. Bekanntheit erlangte es aber durch einen anderen. Als Reichenbergerbeisl war es den Wienern und Wienerinnen zumindest noch bis ins frühe 20. Jahrhundert bekannt. Der Name rührte daher, dass sich die Schenke als Stammlokal der Tuchhändler aus Reichenberg, dem heutigen Liberec in Nordtschechien, etablieren konnte. Das Beisl lag für Händler günstig. Die Donau im Rücken, die Märkte der Stadt in Reichweite bot es sich als zentraler Treffpunkt an. Mag die Lage an der Stadtmauer für Händler durchaus Vorteile gebracht haben, sollte sie sich zu anderen Zeiten als grober Nachteil erweisen. Noch heute zeugen drei eingemauerte Kanonenkugeln im Griechenbeisl davon, dass es sich dabei um einen schwierigen Ort handelte. Als im Jahr 1529 die osmanischen Truppen Wien erstmalig belagerten, sei das Beisl von diesen drei Geschossen getroffen worden. So berichtet es jedenfalls jene Inschrift, die nach der Auffindung der Kugeln bei Renovierungsarbeiten 1963 angefertigt wurde. Wahrscheinlicher scheint es aber, dass die Kugeln aus der zweiten Belagerung Wiens 1683 stammten. Damals wurde die Stadt Wien unteranderem auch von der Leopoldstadt aus beschossen. Bei 500 Jahren Geschichte, kann man zwei Belagerungen schon mal verwechseln.

Zwischen diesen beiden Belagerungen spielte sich aber angeblich die bekannteste Legende Wiens ab. Nach 1349 und 1541 suchte 1679 die Pest Wien aufs Neue heim. Erschreckende Zeiten, von denen heute nur noch die Pestsäule am Graben zeugt. Tausende Menschen fielen dem neuerlichen Auftauchen von Yersinia Pestis zum Opfer. Siechknechte zogen durch die Stadt, um die Toten aufzusammeln und in Massengräbern vor den Stadttoren zu verscharren. Nur einer der Toten war nicht tot, lediglich betrunken. „Der liebe Augustin“ als der er heute bekannt ist, soll während der Pestepidemie eine nachts so betrunken, aus dem Beisl gekommen sein, dass ihn die Siechknechte für tot hielten und ihn kurzerhand in eine Grube vor den Stadtmauern beförderten. Nur durch sein Singen und Musizieren konnte er Retter auf sich aufmerksam machen. Wenn man der Legende Glauben schenken will, finanzierte sich der liebe Augustin mit dem Liedern über diese kleine makabere Episode noch ein paar Jahre lang Zechtouren durch die Stadt, von denen ihn sicher die eine oder andere auch wieder ins Griechenbeisl brachte. Heute erinnert eine kleine Grube am Eingang des Beisls an diese Episode die Tief im Bewusstsein der Stadt und ihrer Bewohner verankert ist. Historisch belegbar ist das alles nicht, aber es muss nicht alles historisch sein, um eine gute Geschichte zu sein.

“Griechen”, böhmisches Bier und königlicher Besuch

Ganz anders verhält es sich mit den späteren Begebenheiten in deren Zentrum die Gastwirtschaft am Fleischmarkt steht. Wieder sind es Händler, die dabei eine zentrale Rolle spielten. Im 18. Jahrhundert siedelte sich eine buntgemischte Kaufmannschaft aus der Ferne am Fleischmarkt an. Es waren vor allem levantinische und „griechische“ Händler, die bestrebt waren, hier Geschäfte zu machen. Wobei „griechisch“ im Sprachgebrauch der Zeit damals pauschal alles umfasste, was irgendwie als „orientalisch“ wahrgenommen wurde. Gaben früher die Tuchhändler aus Reichenberg der Gaststätte den Namen, waren es nun levantinische Kaufleute die Pate standen für das „Griechenbeisl“.

Eine kleine Revolution vollbrachte das Griechenbeisl, oder besser sein damaliger Wirt Leopold Schmied, dann 1852. Als erster Gastwirt der Stadt bot er in seiner Schenke das Pilsner Urquell an. Das Bier, aus helles Malz hergestellt und in den kalten Kellern von Pilsen gelagert, bescherte dem Griechenbeisl Popularität weit über die Grenzen Wiens hinaus. Die Satirezeitschrift Figaro behauptete sogar, den Besuch gekrönter Häupter. König Georg von Griechenland sei „zu dem Zwecke nach Wien gekommen, um im ‚Griechenbeisl‘ ein Glas des berühmten Bieres zu trinken.“

Franz Hauer: Förderer moderner Kunst

Der Erfolg setzte sich auch unter dem neuen Wirt fort. 1897 übernahm Franz Hauer das Lokal. Als Kind mittelloser Eltern in der Wachau geboren, brachte er es durch die Übernahme des Beisls zu beachtlichem Wohlstand. Unter seiner Ägide blühte das Griechenbeisl auch als Zentrum intellektuellen Austauschs und entwickelte sich zu einem Stammhaus reger Diskussion mit künstlerischen Dauergästen. Einer Ausgabe des Wienerwald-Boten aus dem Mai 1913 ist zu entnehmen, dass hier „alle Stände und Berufsklassen“ miteinander Umgang pflegten und dabei die soziale und politische Themen besprachen. Ob Schuster oder Professor, alle wurden gehört und hörten zu. Damit nimmt das Griechenbeisl auch eine Rolle ein, die gerne exklusiv den Kaffeehäusern Wien zugedacht wird. Das Griechenbeisl war ein Ort an dem Ideen ausgetauscht und diskutiert werden konnten. Die Umsätze, die Franz Hauer machte, investierte er wieder in seine Kundschaft. Als kunstbegeisterter Wirt sammelte er Werke seiner Gäste. Darunter Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Albin Egger-Lienz. In einer eigens eingerichteten Galerie präsentierte er diese der Öffentlichkeit. Franz Hauer trug dabei nicht nur ein wenig zur Popularität dieser Künstler bei. Allein das Aufkaufen der Werke dürfte für einige der Künstler eine seltenes und willkommenes Einkommen dargestellt haben. Das Griechenbeisl wurde so zu einem kleinen kulturellen Knotenpunkt der österreichischen Moderne, dessen Gäste Kunstgeschichte schrieben.

Franz Hauer gezeichnet von Egon Schiele, Rep. MET New York, CC0

Das “Griechenbeisl” heute

Von den vielen illustren Gästen in der Geschichte des Griechenbeisls, kann man sich selber ein Bild machen. So zeugen die vielen Unterschriften im Mark-Twain-Zimmer von Besuchern wie dem Schwimmer und Schauspieler Johnny Weissmuller und kulturellen Giganten wie Beethoven. Und auch der erwähnte Phil Collins war da.

Autogramm Egon Schieles im Griechenbeisl, CC-BY-SA 4.0, Augustin Wien

2020 stand das älteste Gasthaus Wiens vor dem Aus. Die Corona-Pandemie brachte nach fast sechs Jahrhunderten das Aus für den Betrieb. Doch wenn schon zwei Türkenbelagerungen und ganze vier Pestepidemien dem Beisl nicht den Garaus machen konnten, wäre es doch ironische Volte gewesen, hätte die Covid-19-Pandemie diese Zeugin der Geschichte erwischt. Dem war zum Glück nicht so.

Nach wie vor empfängt das Griechenbeisl in mehreren Gasträumen und bei schönem Wetter auch im Gastgarten seine Gäste. Klassische Wiener Küche und eine familienfreundliche Atmosphäre laden ein, ein Stück Geschichte Wiens zu entdecken.